Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Mit dem Urheber dieses Zitates, Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter seinem Spitznamen Lenin will ja heutzutage keiner mehr in einen Topf geschmissen werden. Sollten Sie in leitender Position arbeiten, könnten Sie das aber noch einmal überdenken. Vielleicht hätten Sie dann weniger Stress.

Wenn es nach den Erkenntnissen der Wissenschaftlerin Jennifer Lerner, geht dann sollten sich auch die letzten Zauderer auf den Weg machen und Chef werden. In ihrer Studie fand sie nämlich heraus, dass Chef`s, ganz im Gegensatz zu ihren Mitarbeitern weit weniger unter Stress leiden als bisher angenommen. Sie erreichen diesen stressfreien Zustand durch die Kontrolle Ihrer Umgebung. Wenn Chef`s den Eindruck haben, dass sie Herr in Haus und Garten sind, dann lässt sich`s offenbar ganz gut leben. Beine hoch und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. So muss das damals gemeint gewesen sein, die Sache mit dem Paradies.

Das Paradies gibt es in unzähligen Varianten. Als himmlisches und irdisches Paradies oder als Stadteil von Konstanz. Und allen diesen Paradiesen wohnt die Verheißung auf etwas Schönes, etwas Lohnendes inne. So wird im Garten Eden das ewige Leben versprochen, was bei heutigem Stand der Umweltverschmutzung aber eher als Drohung aufgefasst werden muss. Und beim Konstanzer Paradies bin ich mir nicht ganz sicher, ob sich eine Fahrt dorthin wirklich lohnt. Völlig unklar ist bisher nämlich, wie dort mit Milch und Honig umgegangen wird und wie sie sicherstellen wollen, dass auch Ströme aus Wein fließen.

Sei`s drum. So unklar mir Konstanz ist, so klar ist mir seit den Erkenntnissen von Jennifer Lerner mein Chef-Arbeitsparadies. An diesem heiligen Ort gibt es nur Zufriedenheit, keinen Stress und glückliche Gesichter. Jeder kann sich verwirklichen, kann seinen Ideen nachgehen und seine eigenen Wege erkunden. Solange er oder sie den einen, alles umspannenden universalen Grundsatz einhält. Man kann auch sagen das göttliche Gebot, den Wert nach dem alle streben, der da lautet: „Alle machen was ich will.“

Die Sache wäre geritzt, wenn, ja wenn es die ewigen Querulanten und „Ach, ich weiß auch nicht, ob das richtig ist Zauderer“ nicht gebe. Dieses Phänomen hat seinen Ursprung in einem kleinen normannischen Dorf und wurde während der Römerzeit auch als gallische Seuche bezeichnet. Die Bewohner eines kleinen gallischen Dorfes, sie hatten so putzige Namen wie Asterix und Obelix (die Harmlosigkeit ihrer Namen sollte nur darüber hinwegtäuschen, wie faustdick sie es hinter den Ohren hatten) wollten doch partout nicht einsehen, dass ihnen die Römer in allen Belangen haushoch überlegen waren. Aber das ist lange her.

Und ob man es glaubt oder nicht, diese Gallier gibt es immer noch. Sie heißen anders, tragen jetzt Jeans und Turnschuhe und erscheinen gern als junge, unschuldig dreiblickende Erwachsene.

Wir waren zu dritt. Zwei Gallier die sich als meine Kinder ausgaben und ich. Wir waren auf Städtetour und meine Losung für diesen Tag in der Hamburg lautete: „Heute machen wir mal auf Kunst-und Architekturinteresse und schauen uns Speicherstadt und Hafencity an.“ Die beiden Gallierer mussten für die Teilnahme an dem Rollenspiel mit üppigen Nutzungsrechten an meiner Kreditkarte abgefunden werden. Diese kleine Maßnahme hatte unmittelbare Wirkung auf ihren Bewegungsapparat. Liefen sie sich vorher noch mit der Geschwindigkeit gehandikapter Nacktschnecken, konnten sie jetzt Entfernungen von einigen Hundert Metern ohne Pausen überwinden.

„Kommt, lasst uns die Baustelle der Elbphilharmonie mal anschauen.“ Was mir ein vielversprechendes Ziel zu sein schien, stieß bei meinen Galliern auf geteiltes Echo. „Oh nä, oder? Hast du eine Ahnung wie weit das ist? Was wollen wir denn da überhaupt? Mitarbeiten?“ Sagten es und setzten sich auf einen Zementblock wie der Gefangenenchor von Nabuko, kurz vor`m Essen fassen. Federnden Schrittes, wie Turnvater Jahn auf Erweckungstour, schritt ich Richtung Elbphilharmonie. Wenn man was erreichen will, dachte ich mir, dann darf man sich von den Skeptikern nicht aufhalten lassen. Ich hatte die Sache voll unter Kontrolle. Sie würden schon nachkommen.

Okay, die Hafencity ist auch schön anzuschauen, wenn man allein ist. Die beiden Gallier haben mir per SMS mitgteilen lassen, in welchem Cafe ich sie wieder treffen kann.

Aber wie gesagt, ich habe alles unter Kontrolle. Keinen Stress.