Runde 100 Jahre ist bekannt, dass Menschen, insbesondere Männer, bei Stress eine Neigung zum Ausrasten haben. Frauen haben das nicht. Von wegen. Gehen Sie mal Fisch kaufen.


Spazieren Sie einmal spaßeshalber ins Vereinsheim der Taliban, am besten wenn der Kassenwart die Quartalsergebnisse vorstellt, denn da sind die Buden bestens besucht und dann rufen Sie bestimmt, aber mit freundlicher Mine: „Hallo ihr alten Luschen, ich bin von der CIA“. Postwendend erhalten sie die Bestätigung für eine alte Lehrmeinung, derer zufolge Männer unter starkem Stress zum Ausrasten neigen.

Frauen machen das nicht. Sie handeln nach dem „Tend and Befriend-Konzept“. Sie reagieren auf Stress eher mit einem beschützenden (Tend) und Freundschaft anbietenden (Befriend) Verhalten. Dann muss die Frau im Fischladen hinter mir entweder ein in Röcken gekleideter Kerl ohne Bartwuchs gewesen sein oder aber sie hat von dieser wissenschaftlichen These noch nichts gehört.

Der Fischladen in den es mich immer dann zieht, wenn mir mal wieder der Sinn nach mehr als nur Heilbutt oder Rotbarsch steht, ist sehr klein. Besonders Freitags so gegen elf Uhr ist er noch kleiner. Dann herrscht dort ein Verhältnis von 6 zu 20. 6 qm Fläche beherbergt 20 Kunden. Gott sei Dank werden nicht die Regeln von Hühnerfarmen angelegt. Sonst würden sie uns allen die Zähne ziehen um Beißereien unter den Kunden zu verhindern. Wobei vom Ladenbesitzer selbstverletzendes Verhalten, wie sich vor Wut auf die Lippen beißen, bei seiner Kundschaft stillschweigend geduldet wird.

Noch damit beschäftigt mir Gedanken über Nähe und Distanz im sozialen Miteinander zu machen und deren Auswirkungen auf die Mordrate werde ich von der freundlichen, aber schon ein wenig gestressten Verkäuferin angesprochen. „Und, was kann ich für sie tun?“ Ich kam genau bis Thun. War daher schon fast am Ende meiner Bestellung von „Bitte zwei Scheiben Thunfisch.“ Doch beim Thun brach es hinter mir los, mit der Lautstärke eines startenden Kampfjets: „Nein, nein junger Mann, sie sind überhaupt noch nicht dran.“ Begleitet von Schlägen gegen meine rechte Schulter.

Meine bei Hausbesetzungen und Anti AKW Demos gelernte Überlebensstrategie, sich bei Feindkontakt sofort auf den Boden zu werfen und so zu tun als gehörte man gar nicht dazu, klappte hier mangels Freifläche nicht. Also blieb ich stehend und sah mich vorsichtig um. Eine Schirmeslänge von mir entfernt stand eine etwa 70jährige Frau, ca. eineinhalb Meter groß und einsatzbereit wie eine GSG 9 Kämpferin vor dem Abflug nach Kabul. In ihren Augen spiegelte sich das glühende Verlangen unmittelbar zu meinem Ableben beizutragen. Und zwar auf der Stelle und unwiderruflich. Um ihren unbedingten Willen zum Sieg zu unterstreichen nahm sie ihren Schirm und unterstrich jedes ihrer folgenden Worte mit einem Stupser gegen meine Schulter. „Ich (Stupser) war (Stupser) vor (Stupser) ihnen (Stupser) hier (Abschlußstupser)!“ Mit der Gewissheit gerade einen Nichtsnutz und Taugenichts vor dem Mittagessen verspeist zu haben, stand auf ihrer Stirn geschrieben: „Noch Fragen Kleiner?“

180 Zentimeter Berater standen nun 150 Zentimetern Fleisch gewordene Energie auf Schirmeslänge gegenüber. Hätte es den Platz gegeben, die übrigen Kunden wären ausgewichen um die Arena frei zu geben. Das Übliche eben wenn Menschen die Hoffnung haben, live einem Gemetzel beiwohnen zu dürfen. Und die Erwartung, dass sie sich als Tatzeugen in der hiesigen Stadtteilbeilage der Tageszeitung wiederfinden. „Blutiges Drama im Fischladen. Mann erschlug alte Frau mit einem Hecht. Die näheren Tatumstände liegen noch im Dunkeln.“

Ich bin anschließend noch ein wenig im Laden geblieben. Man weiß ja nie ob sie nicht draußen wartet um mit mit die Sache gänzlich zu klären. So von Mann zu Mann.

PS
Die Wissenschaftler Markus Heinrichs und Bernadette von Dawans haben in ihrer Studie mit der alten Lehrmeinung aufgeräumt, der zufolge Männer im Stress zum Ausrasten neigen. Sie sind wohl doch zu kooperativen Verhalten in stressigen Situationen in der Lage. Wie es Frauen ohnehin können und bevorzugen. Bis auf einige wenige Frauen in Fischläden. Aber das sind bestimmt die berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen.