Es begeistert mich immer wieder welche Anstrengungen Firmen unternehmen, um Kunden an sich zu binden. Gewinnspiele, Bonusaktionen, Rabattkarten usw. Doch die Bahn, als eines der innovativsten Unternehmen auf diesem Gebiet, schoss den Vogel ab.

Jetzt ist es soweit Lufthansa, Deutschlands beliebtester Lufttikus, muss sparen. Sie wollen vielleicht sogar die First Class Sessel abschaffen. Grausam. Und damit ist auch für mich nun endgültig der Punkt erreicht, an dem ich mich von der Lufthansa lossage. Wo soll ich dann noch sitzen? Lufthansa ohne First Class ist wie Bahn ohne Verspätung. Da geht doch die ganze USP flöten.

Die Bahn ist schlau und begeht diesen Fehler nicht. Sie setzt ihr Alleinstellungsmerkmal, dem gemeinen Berater auch als USP (unique selling proposition) bekannt, jetzt besonders effektiv ein. 800 Meter vor dem Zielbahnhof, stoppt sie den ICE um dann die Fahrgäste in Deutsch und Englisch (die Bahn weiß, dass der alte Engländer schwarzen Humor über alles liebt) zu informieren, dass der Zug nicht mehr gewillt ist den ihm angebotenen Strom von der Oberleitung zu konsumieren. Etwa so wie in der Kneipe: “ Darf`s noch etwas sein? Nein, ich hab genug.“ Sie denken jetzt vielleicht, kein Problem man steigt einfach aus und geht die letzten Meter bis zum Bahnhof zu Fuß. So dachte ich auch.

Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Bahn gemacht. Sie parkte den Zug auf einer Brücke. Rechts ging es etliche Meter runter, Links donnerten fröhlich andere Züge vorbei. Aussteigen wäre nur etwas für Leute deren Einkünfte im Keller sind und die ein wenig mit ihrer Lebensversicherung liebäugeln. Und die Bahn legte noch eine Schippe drauf. Aus dem Lausprecher hörte ich die verheißungsvolle Nachricht, es gäbe auf Kosten des Unternehmens ein Kaltgetränk. Denn zwischenzeitlich war es schon ein wenig warm im Zug geworden. Was die ersten Reisenden nun dazu brachte, mehr Kleidung als ratsam, nicht jeder sieht im feuchten Feinripp wie Adonis aus, abzulegen. Allerdings stand vor der Belohnung wieder die Entbehrung. Das Kaltgetränk sollte es nach geglückter Rettung im Bahnhof geben.

So ist sie, meine Bahn. Immer einen kleinen Scherz auf Lager. Das macht aber gar nichts. Seit der Londoner Wissenschaftler Chris Pawson herausfand, dass Studenten die Wasser in ihre Prüfungen mitnahmen, deutliche bessere Ergebnisse als ihre wasserlosen Kommilitonen erzielten, seit dem habe ich auch immer Wasser dabei. Wegen der besseren Einfälle und so. Und es wirkte. Mir war auf einmal sonnenklar weshalb das hier alles passierte. Die Bahn nahm den Begriff Kundenbindung wörtlich. „Kunden sind dann am treuesten, wenn man sie einsperrt“.

Das Kaltgetränk habe ich der Marketingabteilung der Bahn gespendet. So ein genialer Schachzug muss belohnt werden.