Während sich im Frankfurter Bankenviertel Ladenbesitzer, Demonstranten und Polizisten am Vorvatertag auf ein paar kleine Aktionen unter Freunden treffen, erhalte ich auf dem etwas weiter westlich gelegenen Bockenheimer Wochenmarkt einen Intensivkurs in Kundenorietierung der klaren Kante.

Die Sonne scheint gerade, ein paar Wolken kündigen aber schon die nächsten Regenschauer an und es ist Mittagszeit. Genau der richtige Moment um die Arbeit für ein paar längere Augenblicke zu unterbrechen und nach Draußen zu gehen. In diesem Fall ist mit Draußen, der Platz an der Bockenheimer Warte in Frankfurt gemeint. Auf diesem Platz ist heute Wochenmarkt. Eine schöne Gelegenheit. Geh ich halt auf den Wochenmarkt und einen Espresso wird es sicherlich auch an irgendeiner Stelle geben.

Nach kurzer Zeit fällt mir ein kleines feuerrotes Etwas auf. Sieht aus wie ein Auto, ist es aber nicht. Hat nur drei Räder und eine Ladefläche. Es ist ein Piaggio Minilaster Namens Ape, wie mir Google auf Nachfrage mitteilt. Die Ape hat drei Dinge die mich interessieren. Erstens steht auf der Ladefläche eine große, eindrucksvolle und vor Chrome nur so strotzende Espressomaschine. Zweiten steht vor der Ape massig Menschen die offenbar anstehen, um an Kaffee zu gelangen. Und drittens, steht die Ape direkt vor einen Gebäude in dem sich ein großes Cafe befindet. Irgendwie mutig mit einem Minilaster ohne Sitzplätze einem Cafe mit äußerst bequem aussehenden Sitzmöbeln die Kunden streitig machen zu wollen.

Also stelle auch ich mich in die Ape Schlange. Nach ein paar Minuten Wartezeit habe ich einen Espresso der allerfeinsten Sorte vor mir. Klein, heiß, schwarz und mit einer wundervoll stabilen Crema, serviert in richtigen Tassen. Nicht diese Pappbechernummer. Und das Ganze für 1,20 €. Ich beginne zu verstehen warum sich hier Schlangen bilden, wie vor dem Apple Shop am Tag der iPad Verkäufe. Während eines ruhigeren Momentes beglückwünsche den Inahber zu seinem wundervollen Kaffee und dem ganz offensichtlich guten Geschäft. Ein freundlicher Mann, mit warmherzigen italienischem Dialekt, sagt zu mir: Dasch isse heute nich gut. Isse blöde Demon in die Bankenviertel. Kunden bleiben zuhause. Habbe ich Zeit zu reden mein Freund.

Und er redet. Von Kunden die Sahne auf den Cappuccino wünschen und solchen die Zimt und Kakao drüber gestreut sehen wollen und von denen die kurz vor 18.00, dann endet der Wochenmarkt, noch schnell einen Kaffee wollen. „Isch will dir mal was sagen mein Freund, das komme überhaupt niche in Frage. Isch sich mein Geschäft, iche bestimme was laufe. Bei mir gibbe es nur Milch, wie in Bella Italia, aufe die Cappucino. Zimte gibbe es auche nicht. Und um fünfe Uhr mache iche Schlusse. Dann iche mache Maschine sauber und packe ein. Wenn Kunde dann Kaffee will, solle er anderswo hinegehen. Iche habe Feierabend.“

Während er mir seine gesammelten Weisheiten im Umgang mit Kunden nahe bringt, muss ich an Asterix und Obelix denken. Dieses kleine Gallische Dorf, die Enklave am Arsch der Welt, der Stachel im Hintern des Römischen Reiches lässt sich von dem Imperium nicht klein kriegen. Wo weltweit der Kunde zum König oder Königin erklärt wird, auf dem Bockenheimer Wochenmarkt hat das ausgedient, bzw. gar nicht erst stattgefunden. Hier herrscht die fortschrittlichste Kundenorientierung die mir in den letzten 30 Jahren untergekommen ist: Ische mein Laden, wenn du willst Kaffee von mir, musse nehmen wie ich will.

Ich war begeistert von diesem Kerl und seiner Einstellung. Klare Ansage, Spitzenprodukt, faire Preise, die Freundlichkeit in Person und Kunden die bei ihm Schlange stehen. Es gibt also doch noch Wege Produkte zu verkaufen, ohne die mitunter arg verbreite Haltung einzunehmen der Kunde ist König und soll, darf und kriegt alles und das möglichst sofort.

Und eine weitere Erinnerung knüpft sich an mein wundervolles Frankfurter Erlebnis. In der Kneipe meiner Jugend gab es einen Kellner, Walter hieß er. Wenn ich bei ihm ein kleines Bier bestellte, schaute er mich an, lächelte freundlich und sagte: „Eh Schröder, du glaubst doch nicht, dass ich für ein kleines Bier laufe. Bestell ein Großes und du bist dabei.“  Laufen hieß in seinem Fall, die 3 Meter vom Tresen und zurück an unseren Tisch.

Ich wähnte sie schon ausgestorben, diese Originale der zupackenden Kundenorientierung mit dem stabilen Rückgrat. Wer`s ausprobieren will, den Espresso gibt es auf der feuerroten Ape bei La Scala. Bockenheimer Wochenmarkt, jeweils donnerstags. Und ein launiges Gespräch gibt`s gratis.