Flensburg sehen und sterben, wie es begeisterte Zeitgenossen gern über Rom sagen, ist zugegebenermaßen nicht das Erste was einem zur nördlichsten Stadt Deutschlands einfällt. Obwohl es Meschen geben soll die, nachdem sie Flensburg gesehen haben, lieber sterben wollten als nochmals dahin zu fahren, habe ich die dort einen Zwischenstopp eingelegt und einen aus der Zeit gefallenen Rumverkäufer mit einem glänzenden Marketingkonzept getroffen.

Ich nähere mich der Stadt, die mit ihren Exportschlagern, Beugelbuddelbeer, Rum und Beate Use, einiges verspricht. Diese verruchten Hafenstädte, herrlich. Schmale Gassen, niedrige Häuser und Seeleute mit Holzbeinen und Eisenhaken statt Händen. Kleine Kaschemmen aus den unter lautem Geschrei Betrunkene auf die Strasse geworfen werden und lichtscheues Gesindel, dass jedem Fremden, wenn nicht nach dem Leben, so doch nach der Geldbörse trachtet. Flensburg die letzte Station ungezügelten Lebens vor der dänischen Idylle.

Allerdings machte dieser Teil Flensburgs während meines Besuches Betriebsferien. Egal, es gab Ersatz. Der Holm. So nennen die Flensburger ihre Fußgängerzone. Warum sie das dänische Wort für Insel nutzen, muss noch geklärt werden. Vielleicht hat der Holm für sie den gleichen Wert wie für die Amerikaner Alcatraz. Vor der Kalifornischen Küste wurden Kriminelle weggeschlossen und auf dem Holm eben Touristen. Ich kann das verstehen. Denn hier können sie nur begrenzten Schaden anrichten. Und einen weiteren geschickten Schachzug haben die Flensburger auch noch unternommen. Sie haben mit den Touristen auch gleich H&M, Douglas und die anderen Verdächtigen dort unter gebracht. Sehr weitsichtig.

Große Schaufenster, helle Beleuchtung, weit geöffnete Türen, all die Attribute moderner Verkaufsförderung fehlten diesem Laden vor dem ich nun stand, gänzlich. In seinen viel zu kleinen Fenstern fanden sich neben einigen Flaschen Rum desselben Herstellers, altes Schreibpapier, vergilbte Seekarten, angestoßene Likörgläser und geknotetes Tau. Ein mit dem Wort „open“ versehenes, selbst bemaltes Pappschild an der offenen Eingangstür sollte vermutlich darauf hinweisen, dass der Laden betreten werden konnte. Ich war mir da nicht so sicher. Auch Schlachthaustüren stehen mitunter offen. Zumal ich im Innern des Ladens niemanden erkennen konnte. Nützt alles nichts, dachte ich mir, der Laden ist so anders, da musst du rein.

Geschätzte 6 mal 10 Meter Grundfläche bei mindestens 5 Meter Deckenhöhe mit knarrenden alten Dielen auf dem Boden erwarteten mich. Ein paar alte Tische in der Mitte, ein paar Regalbretter an der Wand und etwas was nach einer mechanischen Registrierkasse auf einem Tisch am Kopf des Laden aussah, komplettierten die Ausstattung. Und überall Rumflaschen einer Sorte. Nun stand ich da, mitten drin in einer Welt die so alles falsch machte, was man im Verkauf falsch machen konnte. Offensichtlich nur ein Produkt. Viel Zeugs das irgenwie damit zu tun hatte, aber nicht verkäuflich zu sein schien. Nur eine Lampe an der Decke die ihr spärlich gelbes Licht recht widerwillig abzugeben schien und ganz offensichtlich keinerlei Personal.

Aufgefallen war er mir, der Stuhl unweit der Registrierkasse. Er stand im Halbdunkel, war alt und wie ich dachte, mit matten blauem Samt bezogen. Und nun bewegte sich sich dieser blaue Samt. Nahm Gestalt an und entpuppte sich als Mann von ca. 60 Jahren mit der Figur Emil Zatopeks, eines legendärer technisches Langstreckenläufers. Das Gesicht eingerahmt von einem grauen Vollbart, den dünnen Körper nur unwesentlich kaschiert durch eine zu große, verwaschene Jeans und einen blauen Pullover, der auch schon bessere Tage gesehen hat, stand er auf und sagte freundlich zu mir: „Ja.“ Sofort fühlte ich mich Zuhause. Ein Norddeutscher. Er kam ohne Umschweife auf den Punkt.

Wie sich herausstellte verkaufte er in der Tat nur eine Sorte kubanischen Rum. 7 und 15 Jahre alt. Und er erzählte mir davon. Von der kubanischen Revolution, von Rumbauern die vertrieben wurden und in den USA landeten. Von Enkeln dieser Vertriebenen die die Rumtradition wieder aufnahmen und unter dem selben Namen wie ihre Großväter weiter machten. In dem Laden hatte ich das Gefühl selbst Teil der kubanischen Revolution zu sein, neben Che und Fidel in Havanna einzumarschieren und doch am Ende mit der Revolution zu brechen und schwimmend nach Florida zu fliehen. Fehlte nur noch, dass ich mich robbend durch den Laden bewegte, um den feindlichen Kugeln des Diktators Batista auszuweichen.

Auch wenn es sich bei nüchterner Betrachtung nur um Rum handelte, so war es doch viel mehr. Es war die Begeisterung eines Mannes der mit seinem Produkt, der Art und Weise wie er es verkaufte mehr daraus machte als nur Alkohol. Es war ein Erlebnis. Solange es noch Läden wie diesen gibt, weiß man wie was Begeisterung ist. Und das Schöne daran, Laden und Mann leben gut davon.