20 km in weniger als zwei Stunden laufen, das war mein sportliches Ziel für das Jahr 2012. Aber was tun, wenn zwischen Anspruch und der kleinen, aber gemeinen Wirklichkeit Welten liegen? Wie wär`s mit Volition.
Der 31.12. ist der Tag mit der höchsten Dichte von Zielankündigungen des gesamten Jahres. So wie Millionen Flamingos jedes Jahr in die afrikanische Steppe einfallen um dort ein wenig zu baden, werden am 31.12. Millionen guter Vorsätze gefasst. Manche Menschen wollen fortan gesünder leben, weniger wiegen oder häufiger mit dem Hund rausgehen. Anderen hingegen nehmen sich fest vor netter zu den Kollegen zu sein und sich künftig nicht mehr alles vom Chef, diesem Blödmann, bieten zu lassen.

Da wollte ich nicht hinten anstehen. Zumal meine Kollegen von McKinsey mir eine Steilvorlage geliefert haben. Sie schlagen nämlich vor mindestens einmal im Jahr folgende Fragen zu stellen:

Wo liegen unsere größten Chancen?
Was müssen wir dafür können?
Wovon sollten wir besser die Finger lassen?

Eine tolle Idee. Da ich aber keinen Hund und keinen Chef habe entschied ich mich für`s lange Leben (Antwort Frage eins). Meiner Ansicht nach liegen da für mich die größten Chancen, wenn ich weiterhin ins Kino gehen will. Um das zu erreichen wäre es von großem Vorteil zügig einen Fuß vor den anderen setzen zu können (Antwort Frage zwei). Ganz besonders in Bremen, wo die Busfahrer ihre Arbeitszufriedenheit steigern, indem sie losfahren, kurz bevor man die Haltestelle erreicht hat. Schweinbraten, besonders der mit der Kruste und dem Bier dabei, davon wollte ich in 2012 die Finger lassen (Antwort Frage drei). Ich wich auf Rouladen aus, was allerdings kein empfehlenswerter Ersatz ist. Haben keine Kruste.

Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Getreu diesem Motto nahm ich mir also vor meine sportliche Fitness zu steigern. Eben besagte 20 km in weniger als 2 Stunden. Die außerdem auch noch griffig klangen, 20/2. Wie aus dem Lehrbuch einer kurzen, knackigen Zielbeschreibung. Hätte ich gewusst, dass 20 Kilometer und 2 Stunden in etwa so gut zusammen passen wie Kuh und Klavier, ich hätte mir stattdessen einen Hund gekauft und wäre jeden Tag mit ihm raus gegangen. Aber nun war das Ziel in der Welt.

Wer ein ehrgeiziges Ziel verfolgt sollte über einige Tugenden verfügen, die dafür sehr hilfreich sind. Da ist zum einen Intelligenz. Nicht das Dummheit weniger Zielführend wäre, Berlusconi ist schließlich auch mehrfach italienischer Ministerpräsident geworden, aber sie nutzt sich schneller ab. Nicht zu verachten ist eine gesunde Portion Kompetenz, ein ausreichend großer Becher Teamfähigkeit mit einem Spritzer Charisma und natürlich gute Ideen. Doch das ist nicht alles, es fehlt noch die eine entscheidende Fähigkeit, die Volition. Nicht zu verwechseln mit dem Voltigieren. Bei letzterem sitzen Leute auf Pferderücken und machen Kunststücke. Bei ersterem handelt es sich um die Willenkraft Ziele zu verfolgen und sie umsetzen zu können.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, oder um es mit meiner Großmutter zu sagen: Wo ein Hund ist, ist auch ein Knüppel. Wer seine Ziele erreichen will muss über das nötige Handwerkszeug verfügen. Doch was ist es was diese Menschen besser können als andere? Wie es scheint verzetteln sie sich weniger, können sich besser in positive Stimmungen versetzen, begreifen Dinge schnell, sind sehr selbstbewusst und sehen einen einen Sinn in dem was sie tun. So zumindest legen es die Forschungsergebnisse nahe. So wollte ich auch sein.

Es ist noch nicht aller Tage Abend. Zwei Monate bis Jahresende bleiben ja noch um mein Ziel von 20/2 zu erreichen. Zur Zeit stehe ich bei 8/2, also nur eine geringfügige Abweichung. Und Volitionskompetente Menschen wie ich sollen ja Dinge schnell begreifen. Und das stimmt. Ich gehe jetzt ins Fitness Studio, auf`s Laufband. 20/2 ist seither kein Problem mehr. Schaffe ich locker. Die ersten 5 Kilometer laufe ich mit, dann lasse ich das Band die restliche 15 Kilometer allein laufen. Ziel erreicht. Nächstes Jahr gibt`s wieder Schweinbraten.