Manche Menschen sehen eine Person, hören ihren Namen und vergessen diesen Namen nie wieder. Doch was machen diejenigen von uns, deren Gedächtnis an entscheidenden Stellen Lücken aufweisen, die den schwarzen Löchern im Universum bei Größe und Dunkelheit in nichts nachstehen? Mit den Händen fuchteln, hilft.

Menschen lieben es, wenn man sie mit ihrem Namen anspricht. Es wird als Zeichen der Wertschätzung eingestuft. Da macht sich jemand die Mühe meinen Namen zu behalten und erinnert ihn auch noch nach einigen Wochen. Dem muss was an mir liegen, denken die meisten Menschen dann. Ein fröhliches „Guten Morgen Herr Lamprecht“ auf dem Büroflur kommt schlicht besser an als ein namenloses „Guten Morgen“. Wer auf diesem Gebiet punkten will, für den empfiehlt sich eine gutes Namensgedächtnis. Was nicht nur im beruflichen sondern auch im privaten Umfeld viele Vorteile mit sich bringt.

Meine Kinder lieben es geradezu wenn ich ihren Namen auch dann noch erinnere und fehlerfrei aussprechen kann, wenn sie schon längst ausgezogen sind. So wird ein „Guten Morgen Clara“ beim gemeinsamen Familienfrühstück mit viel größerem Wohlwollen seitens meines Kindes bedacht als ein „Guten Morgen, ähm“ oder ein „Guten Morgen – bitte hilf mir kurz, wie war noch mal dein Name?“ Aber wir kennen und mögen uns natürlich und wenn ich gelegentlich ihren Namen nicht mehr erinnere, so erkenne ich sie doch meistens am Gesicht oder am Geruch.

Doch wie sollen Menschen wie ich, denen mitunter der Name einer Person auf der Zunge liegt und keine Anstalten macht sich von dort weg zu bewegen, besser werden? Alle Menschen mit gut lesbaren Namensschildern auszustatten wird, vermutlich am immensen Papierverbrauch scheitern. Und auch meine bisherige Lösung stößt an ihre Grenzen. Ich gehe nämlich grundsätzlich hinter meiner Frau. Ob zum Bäcker, in die Kneipe oder Steuerberater. Nie betrete ich ein Gebäude, einen Raum vor meiner Frau. Diese Taktik sorgt dafür, dass sie alle Menschen vor mir begrüßt.

Meine Frau ist im Besitz eines Namensgedächtnisses das den größten IBM Computer aussehen läßt, als wäre er ein gnadenlos veraltetes Neandertaler Werkzeug. Wen auch immer sie trifft, sie kennt deren Namen. Ich habe zwar ein mieses Namensgedächtnis bin allerdings noch nicht taub. Und das nutze ich voll aus. Sobald meine Frau den Namen des Betreffenden genannt hat, trete ich aus ihrem Schatten, umkreise sie gekonnt wie der russische Startänzer Rudolf Nurejew und rufe freudig, laut und voller Empathie den Namen desjenigen um ihn meinerseits zu begrüßen. Der Beginn eines wundervollen Gespräches unter Freunden.

Die Sache hat allerdings einen Hacken. Meine Frau will, aus unerfindlichen Gründen, gelegentlich ohne mich unterwegs sein. Das das nicht zielführend und keine gute Idee ist, habe ich ihr zu verstehen gegeben. Allerdings ohne Erfolg. Das Ende vom Lied, ich bin auf mich allein gestellt. Und so stehe ich auf dieser Party. Jede Menge Leute, gute Musik, leckeres Essen. Alles ganz wunderbar. Bis diese Frau auftaucht. Mit einem Lächeln schreitet sie auf mich zu, freudig die Hand zum Gruß ausgestreckt. „Hallo Rolf“ sagt sie zu mir, drückt meine schweißnasse Hand um sie fortan nicht mehr los zu lassen.

Durch diesen geschickten Schachzug und meine strategisch ungünstig gewählte Position, ich stand mit dem Rücken zur Wand, war an Flucht nicht zu denken. „Ja, hallo“ sagte ich so zaghaft wie jemand der gerade von einem Mitglied der russischen Mafia zum Mitkommen aufgefordert wurde. Sie schaute mir dabei direkt in die Augen, als wolle sie einem Rudel Raubkatzen erklären wer Chef im Ring ist. Auf der Suche nach einem Anhaltspunkt wer sie ist oder woher ich sie kennen könnte glich mein Gedächtnis einem Parkhaus das schon seit Jahren außer Betrieb ist. Gähnende Leere, wohin ich auch schaute.

Wir haben uns dann im Verlaufe des Abends darauf verständigt, dass ich mich deshalb nicht an sie erinnern könne, weil sie einen neuen Haarschnitt hatte. Der, wie ich nicht müde wurde immer wieder zu betonen, ihr ausgesprochen gut stand. Was ist schon ein vergessener Name, gegen eine gute Frisur?

Nach diesem Abend habe ich mir geschworen meine Gedächtnisleistungen dramatisch zu steigern und traf dabei auf den Wissenschaftler Wolgang Klimesch. Er ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Gedächtnisleistung. Seiner Erfahrung nach lassen sich Inhalte leichter abspeichern wenn wir sie beim Lernen multisensorisch begleiten. Etwa mit einer kleinen Geste. Die Italiener können dass ja besonders gut. Sie reden mit Händen und Füßen. Ob die dann auch die Namen besser behalten? Ich weiß ja nicht. Mein italienischer spricht alle seine männlichen Kunden mit Dottore an. Aber das ist eine andere Geschichte.

Beim nächsten Mal, wenn mir der Name einer Person mal wieder auf der Zunge liegt, dann fuchtel ich ein wenig mit den Händen oder mache ein paar Tanzschritte und schon erinnere ich mich. Sieht zwar komisch aus, aber liefert gleich einen guten Gesprächseinstieg. „Bist du mit deiner Epilepsie schon in Behandlung, Rolf?“