Wenn Hunger, Durst und schwache Beine zusammen kommen, dann kann aus einem ängstlichen Berater schnell ein kampfbereites Tier werden. Schade nur wenn der Gegner fehlt.

In Bremen gibt es das Haus am Walde. Was sich nach Hitchcocks Gruselvilla aus dem Film Psycho anhört ist in Wirklichkeit ein wunderschön gelegenes Restaurant und Cafe mit großem Garten am Rande des Bremer Bürgerparks. Und eben in diesem Garten finden in unregelmäßigen Abständen Musikveranstaltungen statt, die hunderte, wenn das Wetter gut ist, auch mehr Leute anlocken.

Bremen geht bekanntlich mit seinen finanziellen Ressourcen ebenso spartanisch um wie mit seinen warmen, regenfreien Sommertagen. Mehr als vier pro Jahr gibt es schlicht nicht. Und wenn einer dieser Tage mal wieder ansteht, steigt die ganze Stadt auf`s Fahrrad und fährt in der Gegend rum. Damit diese Schinderei einen Sinn macht, suchen Bremer immer ein Ziel. Sie wollen schließlich nicht ziellos in ihrem eigenen Leben herumvagabundieren. Wenn dann ein warmer Sommertag und ein Konzert im Haus am Walde auf denselben Tag fallen, dann fährt die ganze Stadt dorthin. Das hat schöne und weniger schöne Seiten.

Das nicht alle einen Sitzplatz finden gehört zu den kleinen Unannehmlichkeiten. Wohingegen die Schlangen vor den Getränke- und Essenständen eine tolle Sache sind und auf große Begeisterung stoßen. Wann hat man schon mal das Vergnügen mit seinem Vorder- und Hintermann so viel gemeinsame Zeit zu verbringen, dass es locker ausreicht um komplette Lebensgeschichten auszutauschen, einschließlich derer von Onkeln, Tanten, Cousinen und Arbeitskollegen.

Da stand ich nun mit meinen zwei Bieren in der Hand und wartete auf meine Frau, die ihr Glück in der Essenschlange suchte. Arbeitsteilig hatte ich vorgeschlagen, sie solle sich in die bedeutend längere Essenschlange stellen, während ich mich in der Zeit um Getränke und einen Sitzplatz kümmern würde. Allerdings waren freie Sitzplätz so zahlreich wie Palmen am Nordkap. Mit einer Ausnahme. Mitten im Getümmel befand sich ein Tisch an dem mindestens acht Leute Platz gefunden hätten. Tatsächlich saßen dort aber nur vier.

Anfangs dachte ich es handele sich um den Tisch des hiesigen Krankenhauses mit seinen TBC infizierten Patienten, denen zur Abwechslung mal ein wenig Kultur geboten werden solle. Doch einer genaueren Betrachtung hielt diese Hypothese nicht stand. Den Tätowierungen und der Körpergröße nach zu urteilen, handelte es sich bei den dort Sitzenden ganz offensichtlich um das Präsidium unseres heimatlichen Hells Angels Club. Über denen schwebt ja ständig das Damoklesschwert eines Verbotes. Da treffen sie sich vermutlich lieber im Freien. Macht ja auch Sinn, wegen der besseren Fluchtwege.

Was für eine Gelegenheit dachte ich mir. Endlich konnte ich meiner Frau zeigen, dass in mir doch ein ganzer Kerl und kein halber Berater steckt. Ich würde jetzt an den Präsidiumstisch gehen und mich dort einfach hinsetzen. Dieser Gedanke hatte noch nicht einmal meine ersten Hirnteile erreicht, da stellten meine Knie schlagartige ihre Arbeit ein. Nur die Schulter meines Nebenmannes verhinderte, dass ich wie ein nasser Sack mit zwei Bier, lautlos zu Boden sank. Rolf sagte ich mir, was soll schon groß passieren und hörte gleich die Antwort. Die werden dir ihre vier Bierkrüge auf den Schädel hauen, dich dann an ihre Harleys binden und wie damals in Gun City durch die staubige Hauptstraße schleifen. Vorbei an ängstlichen Bürgern die ihre Kinder schnell in die Häuser bringen und die Türen verrammeln.

Nur noch drei Leute in der Schlange vor meiner Frau. Gleich wird sie mit unserem Essen vor mir stehen und mein ganzes Versagen wird offensichtlich. Wir würden stehen müssen, obwohl es, mittendrin vier schöne freie Plätze gibt. Allerdings spürte ich schon die wohltuende Wirkung der Biere die ich zwischenzeitlich in mich geschüttet hatte. Während der Promillespiegel meinen Mut in ungeahnte Höhen trieb war mein Kopf damit beschäftigt die nötige Propaganda zu liefern. Wer war ich, dass ich mich von ein paar Tätowierten in der Größe eines spanischen Stieres aufhalten lasse? Ich laufe die 10 Kilometer in viereinhalb Stunden und stemme 9 kg ohne auch nur zu keuchen. Ich bin ein Bär. Also ging ich, bereit hier und jetzt für die gute und gerechte Sache mein Leben zu lassen, an den Tisch, klopfte einem aus dem Präsidium auf die Schulter und sagte: „Kann ich mich hierhin setzen?“

Der Angetippte drehte sich lächelnd zu mir um, machte eine leichte Aufwärtsbewegung, die eine höfliche Begrüßung andeuten sollte und sagte äußerst freundlich: „Oh, das tut mir leid. Unsere Freunde stehen gerade in der Schlange und kommen gleich wieder. Aber wenn Sie wollen, können sie sich gern solange zu uns setzen.“

Wo soll man in dieser Welt noch seine Sporen als echter Kerl verdienen, wenn jetzt sogar die Stiere nett sind?

PS
Wer ein wenig mehr über Vorurteile erfahren will, hier geht’s zur Studie „Die Abwertung der Anderen“ von der Friedrich Ebert Stiftung.