Es muss ja nicht gleich die Neapolitanische Camorra sein, aber ein gutes Netzwerk von einflussreichen Menschen ist schon ziemlich hilfreich. So z.B. bei der Autobeschaffung, dem kostenloses Essen beim Italiener oder der Aufwertung der eigenen Person. Allerdings profitieren Männer und Frauen besonders von letzterem sehr unterschiedlich.

Es ist die Mischung aus wildem Zucken der Gesichtsmuskulatur und dem steten Speichelfluss entlang des Unterkiefers der Leute befällt, wenn sie feststellen: Der Mensch vor mir ist wichtig. Der kennt nicht nur Hinz und Kunz. Nein, der kennt Gott persönlich. Wer denen die Frage stellt: „Und, was haben sie so gemacht am Wochenende? erhält nicht selten die Antwort: „Nichts besonderes. Ich war golfen mit Josef, mit Josef Ackermann von der DB. Aber wir hatten einen schlechten Tag. Drei über par.“ Wer so redet der hat es geschafft. Der steht kilometerhoch über dem gemeinen Fußvolk, das sich am Wochenende mit dem Schwager aus Wanne-Eickel im Gemüsegarten abplagen muss.

Ich spiele kein Golf kann aber aus erster Hand berichten, wie sich die Nähe von mächtigen und einflussreichen Menschen auf das eigene Befinden auswirkt. Vor einiger Zeit wurde ich auf der Straße von einem entfernten Nachbarn angesprochen. „Sag mal, du bist doch Unternehmensberater, oder? Kannst Du mir nicht mal helfen. Ich habe da ein Problem mit meiner Firma.“ Er schilderte mir, auf dem Fußweg, zwischen zwei leeren Mülltonnen, dass er in New York eine Niederlassung gründen werde. Er aber ein Problem bei der Personalgewinnung habe. Aber, dass das noch nicht alles sei. Es ginge auch noch um die Beurteilung des Potenzials der neuen Mitarbeiter. Details könnten wir später, bei ihm zuhause, besprechen.

New York. Der erste amerikanische Auftrag. Ich sah mich schon auf den Stufen der Wall Street. Von Dithmarschen über Bremen bis ins Herz der Weltwirtschaft. Auf gleicher Stufe mit Mark Zuckerberg und und den Google Boys. rs|u würde zu einem Global Player werden. Wir würden Millionen scheffeln. Beschwingt ging ich nach Haus und erzählte meiner Frau von dem unfassbaren Erfolg. Sie kommt aus Bayern. Die sind da ja eher ein bodenständiges Völkchen. Entsprechend erdig sind auch ihre Bemerkungen: Ach, du hast Gerd getroffen? Netter Kerl, nicht? Lügt aber, wie gedruckt.

Nie habe ich es mir sehnlicher gewünscht, als in diesem Augenblick: Worte sind Waffen und wenn sie in die falschen Hände, besonders in die bayrischen geraten, sollten sie verboten werden.

Ob auch der US-Wissenschaftler Noah Goldstein auch schon derart ernüchternde Erfahrungen gemacht hat? Vielleicht war das der Grund, warum er die Auswirkungen untersucht hat, den der Umgang mit Mächtigen und einflussreichen Personen auf andere Menschen hat. Mir kam es allerdings so vor, als hätte er es nicht untersucht, sondern mir stattdessen, der Einfachheit halber im Gespräch mit Gerd über die Schulter gesehen. Er fand heraus, das ganz besonders Männer den Umgang mit Mächtigen mögen.  Sie glauben, wenn einflussreiche Menschen in ihrer Nähe sind, und dabei kann Nähe auch gern einmal 300 Meter weit weg sein, sind sie selbst auch wichtiger. Sie fühlen sich erfolgreicher, selbstsicherer und irgendwie besser. Frauen erleben derartiges, laut Goldstein, nicht. Aber sie werden schon wissen, warum sie die Finger davon lassen.

PS
Habe vor kurzem den Oskar prämierten Schauspieler Christoph Waltz gesehen. Ich war ca. 50 Meter von ihm entfernt. Habe mich gleich viel besser gefühlt. Wahrscheinlich kommt morgen ein Anruf aus Hollywood. Ist ja ohnehin viel besser als die Wall Street. Und auch wärmer.