Vor langer Zeit trafen sich in einem Bonner Hinterzimmer die Personalverantwortlichen aller großen deutschen Industrieunternehmen um das Geheimbuch der Arbeitszeugnisse zu entwickeln. Nicht auszudenken, wenn es dieses Treffen nicht gegeben hätte.


Es war die Zeit in der Hinterzimmer noch echte Hinterzimmer waren. Dunkles Holz an Wänden und Decken. Rauch vergilbte, groß gemusterte Vorhänge. Auf dem Boden Auslegeware in die sich die Spuren hunderte konspirativer Treffen eingegraben hatten. Auf den Tischen Aschenbecher von der Größe kleiner Springbrunnen. Thermoskannen mit Kaffee und französischer Cognac, rundeten das Angebot ab.

Die Herren, Damen beschränkten sich zu jener Zeit noch auf das Anreichen von Speisen und Getränken, die sich dort in einer kalten Februar Nacht trafen, hatten nur ein Ziel: Wie können wir schreiben was wir denken ohne das jemand außer uns weiß, was wir meinen? Es stand viel auf dem Spiel. Die Kosten für Arbeitsgerichtsprozesse wegen beanstandeter Zeugnisse wies stark nach oben. Der Imageverlust für die betroffenen Unternehmen war beachtlich.

Es erstaunt wenig, dass vor einer solchen Drohkulisse die Ergebnisse des Treffens entsprechend umfangreich waren. Zwar bedauerten es die Anwesenden, dass die Wiedereinführung des preußischen Gesindehandbuchs nicht zu erwarten war, in dem jeder Dienstherr frank und frei reinschreiben konnte wonach ihm war. Allerdings konnten sie die umfangreichen Vorgaben des § 109 der Gewerbeordnung, demzufolge Zeugnisse wohlwollend formuliert sein müssen, mit der Entwicklung eines umfassenden Formulierungsbuches abschwächen.

Mit diesem Buch, das gehütet wurde wie der Zugangscode zur Bank von England, waren die Unternehmen fortan in der Lage jede Form von Kritik so auszudrücken, dass sie sich für nicht Eingeweihte wie pure Lobgesänge lasen. Faulheit, Trunksucht oder Prahlerei der Mitarbeiter mussten nun nicht mehr mündlich weiter gegeben werden, sondern konnten nun ganz offiziell in den Zeugnissen von Personalabteilung zu Personalabteilung  gelangen. Ein enormer Fortschritt.

So konnte ab dieser Zeit auf Zeugnisse wie dieses verzichtet werden:
Herr Schröder war ein Erbsen zählender, langsamer Pedant. Er drückte sich vor der Arbeit wo er nur konnte. Klaute wie ein Rabe und soff wie ein Loch.

Stattdessen war der Betrieb nun in der Lage wie folgt zu formulieren:
Herr Schröder arbeitete mit größter Genauigkeit. Er verstand es, stets alle Aufgaben mit Erfolg zu delegieren. Er hat die  Aufgaben zu seinem und im Interesse des Unternehmens gelöst. Durch seine gesellige Art trug er zur Verbesserung des Betriebsklimas bei.

Leider blieben diese Codes nicht lange geheim. Obwohl im Hinterzimmer ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, es nicht in Schweinsleder binden und drucken zu lassen, muss davon ausgegangen werden, dass sie heute vielen bekannt sind.

Sehr gut: Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit.
Gut: Stets zu unserer vollen Zufriedenheit.
Zufriedenstellend: Zu unserer vollen Zufriedenheit.
Ausreichend: Zu unserer Zufriedenheit.
Mangelhaft: Im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit.
Ungenügend: Bemühte sich, die übertragenen Aufgaben zu erledigen.

Man muss nicht unbedingt ein Freund des Finanzministers Ludwigs des Sechzehnten sein, um die Vorzüge einer uncodierten Sprache zu schätzen. Dieser Finanzminister seufzte vor der französischen Revolution einmal über die Lage in seinem Ministerium: „In meinem Hause sind die meisten zu nichts fähig und einige zu allem.“

Vielleicht haben Zeugnisse irgendwann wieder eine allgemein verständliche, uncodierte und klare Sprache. Damit alle wissen, woran sie sind.

 

PS. Böse Zungen behaupten, dass es sich bei dem Treffen in Bonn um ein Gerücht handelt. Aber wie gesagt, es sind böse Zungen.