Wenn zwei das Gleiche sagen, glauben wir immer dem,  dem wir mehr vertrauen. Dachte ich auch und habe peinlich darauf geachtet, beim Lügen nicht erwischt zu werden. Doch das ist nun, dank des Sleeper-Effekt, vorbei.

„Du kriegst den Boxer aus dem Getto, nicht aber das Getto aus dem Boxer.“ Diese Weisheit zielte auf die Wutausbrüche des Boxers Mike Tyson, der seinen Gegnern das eine oder andere mal gern ein Ohr abbiss und gilt natürlich auch für den einen oder anderen Berater. So wuchs ich in einer Familie auf, die schon zu Zeiten in denen noch niemand an Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung dachte, sehr sorgsam mit der Umwelt umging. Meine Mutter hat besonders penibel darauf geachtet, dass wir Kinder nicht das Abwasser mit unnötig viel Shampoo belasteten.

Freitag war Badewannentag. Grundreinigung mit Politur für`s Wochenende. So wie Samstag der Bürgersteig vor dem Haus gefegt oder das Auto gewaschen wurde, wurden freitags die Kinder gebadet. Haare waschen inklusive. An einem dieser Tage kam es zu folgender Szene: „Mama, das Shampoo schäumt nicht. Ach, wie denn das? Lass mal sehen.“ Unsere Mutter nahm die Flasche in die Hand und drehte sie prüfend. „Die ist wie immer. Das bildest du dir nur ein, du musst nur mehr reiben, dann schäumt es auch.“

Gut 14 Tage später überraschte ich unsere Mutter in der Küche mit der Shampooflasche in der einen und dem Wasserkessel in der anderen Hand. „Füllst Du etwa Wasser in die Flasche, Mama? Ihr Gesichtsausdruck glich dem einer Gottesdienstbesucherin deren Hände gerade tief im Klingelbeutel vergraben waren. „Ich? Nein! Nun stell dich an oder soll ich den Rest, der sonst in der Flasche bleibt, vergeuden? “

Meine Kindheit war vielleicht nicht so hart wie die von Mike Tyson und Dithmarschen ist nicht an jeder Stelle ein Getto, doch auch diese Kindheit hat tiefe Spuren in mir hinterlassen. Und wer schon einmal versucht hat, seine Haare mit Shampoo verdünntem Wasser zu waschen, weiß welche inneren Konflikte das nach sich zieht. Langjährige Psychotherapien haben allerdings nur die grobe Symptomatik ein wenig lindern können. Die wesentlichen Störungen feiern bis heute, quicklebendig, ihr Vorhandensein.

Nach diesem Vorfall war meine Mutter natürlich nicht mehr erste Wahl wenn es darum ging, bei nie versiegenden Colaflaschen, dünnflüssigem Ketchup oder schnell fließender Sonnencreme deren Ursachen herauszufinden. Da brauchte es schon glaubwürdigere Leute um zu erklären, woher diese sonderbaren Effekte rühren. Nun behaupten die Wissenschaftler  Carl I. Hovland und Walther Weiss, dass es auf Dauer völlig egal ist, ob eine Aussage von einem Menschen kommt dem wir vertrauen oder nicht. Zwar glauben wir am Anfang mehr den Personen denen wir vertrauen, doch mit der Zeit tritt die Information in den Vordergrund und die Person in den Hintergrund. Die Wissenschaftler nennen es den „sleeping oder forgetting effekt“. Ich nenne es einfach herrlich.

Wenn unsere Tochter mich nun mal wieder fragt: „Papa, warum ist die Milch heute in einer Karaffe?“ dann kann ich locker die Reaktion unseres Sohnes aussitzen, wenn er wie aus der Pistole geschossen, losposaunt: „Rührt das Zeug bloß nicht an, Leute. Wenn der Alte Milch in Karaffen serviert, dann ist die übers Verfallsdatum hinaus. Und wenn wir heute auch noch Pudding kriegen, dann ist völlig klar, was los ist. Er will die verdammte alte Milch loswerden.“ Egal, spätestens in 3 Wochen ist meine Reputation, dank Sleeping Effekt, wieder hergestellt. Daran ändert auch das skeptische rumstochern der Kinder im Nutellaglas nichts. Angeblich soll sie riechen wie die billige Nusscreme von Aldi. So ein Unsinn. Seh ich etwa aus wie meine Mutter?