Taxi fahren ist eine schöne Sache. Man steigt ein, nennt sein Ziel und braucht sich um nichts weiter zu kümmern. Und wenn der Fahrgast Ortsfremd ist, machen die Taxifahrer auch schon mal einen kleinen Umweg um mehr von der Stadt zu zeigen. Doch einige ignorante Kunden wissen das nicht zu schätzen.

Mit dem Alter wird ja alles schlechter sagen mir die Leute. Man wird schwerer hören, das Fleisch wird lappig in der Gegend rumhängen und Zähne wie auch Haare verlassen ihren, von der Evolution vorgesehenen, Ort. Ich finde das ist Panikmache, denn nicht alles wird schlechter. Mein Orientierungssinn zum Beispiel, der ist seit Jahrzehnten in etwa so gut wie die Augen der Maulwürfe. Daran hat sich mit zunehmendem Alter nichts geändert. Um zu merken, dass ich eine Strecke bereits kenne, muss ich den Weg gefühlte zwanzig Mal gefahren sein. Dann allerdings, hab selbst ich es drauf.

Allerdings wusste ich bis vor kurzem noch nicht, dass mir das anzusehen ist. Vielleicht hat die Natur Menschen wie mir ein Erkennungszeichen verpasst um Anderen zu signalisieren, „Achtung, hier kommt ein Orientierungsloser. Bitte nicht hinter ihm hergehen. Es ist völlig unklar, wo sie dann landen werden.“ Wie gesagt, ich hab dieses Kennzeichen noch nicht an mir entdeckt, die Berliner Taxifahrer schon.

Vor einiger Zeit verlasse ich zielstrebig, bekleidet mit meinem Beraterblauman (schwarzer Anzug, weißes Hemd) und der obligatorischen Brottasche (Laptop), den Berliner Hauptbahnhof Richtung Taxenstand. Während ich noch fünfzig Meter vom Taxi entfernt bin, schaut mich der Fahrer durch seine Windschutzscheibe prüfend an, ob denn wohl ich seine nächste Fuhre bin. Eingestiegen, haue ich meinen obligatorischen Begrüßungssatz, wie schon 20 Male zuvor raus: „Guten Tag, bitte nach Reinickendorf.“ Mit einem „Wird jemacht Chef“  macht sich der Kutscher an die Arbeit.

Wieder einmal finde ich es außerordentlich spannend durch welche Gegenden Berlins wir heute fahren, um nach Reinickendorf zu gelangen. Etliche neue Eindrücke überfluten mich. Gebäude die zuvor noch nicht vorhanden waren, müssen zwischen meiner heutigen und der letzten Fahrt vor einer Woche entstanden sein. Die Mauerleute in Berlin sind schnell, alle Achtung.

„Macht 23,50 €. Soll ick ihnen nee Quittung jeeben?“  Während ich bezahle bedauere ich ein wenig, dass der Berliner Senat offenbar einige Straßen für immer gesperrt oder gar im Sinne einer Renaturierung zu Grünflächen umgewandelt hat. Sonst hätten wir wieder dort lang fahren können und die Fahrt, hätte wie in der vergangenen Woche, 13,50 € gekostet.

Just in diesem Moment der Stille und des in mich Gehens höre ich meinen inneren Dithmarscher Troll, laut und politisch so unkorrekt wie immer: „Er hat dich beschissen, der alte Sack. Los sag was, mach ihn zur Sau, droh ihm mit einer Anzeige, zeig endlich Mumm und sei einmal in deinem Leben ein echter Kerl.“ Freundlich verabschiede ich mich von dem Taxifahrer. Meine innere Stimme grummelt noch irgendetwas von „hab´ich`s doch gleich gewusst, dass du kneifst alte Memme“, doch ich bin davon überzeugt, dass der Taxifahrer mich nicht beschissen hat und es gute Gründe für die Preisdifferenz gibt.

Martin Sutter, ein Insbrucker Verhaltensökonom, sieht das offenbar ganz anders. Er behauptet in einer Studie, dass Taxifahrer bei Ortsfremden gern Umwege fahren, um mehr zu verdienen. Angeblich sollen sie auch bei scheinbar Vermögenden, wie dem gemeinen Unternehmensberater, dazu neigen. Aha, also doch. Da hat der Berliner Droschkenfahrer aber die Rechnung ohne den rachsüchtigen Berater gemacht.

Letzte Woche war ich in der Kleiderkammer des Roten Kreuzes. Hab mir ein paar abgewetzte Cordhosen, Marke Studienrat kurz vor der Rente, runter getretene Birkenstocksandalen  nebst einigen löcherigen Pullovern besorgt. Mit diesem Outfit und dem Satz: „Bitte nach Reinickendorf, ich will nach Hause“ sollten Fahrten um die 13 € wieder drin sein.