Wer auf  Spannungskopfschmerz, Schlafstörungen und sexuelle Funktionsstörungen keine Lust hat, sollte seinen Ärger nicht aufstauen, sondern möglichst schnell loswerden. Die Kollegen oder die Chefs bieten sich nur bedingt an. Supermärkte sind jedoch ein guter Platz dafür.

Lediglich  15 Zentimeter fehlen ihm und er hätte die 2 Meter Körpergröße geschafft. Dafür hat er aber die 120 Kilo Lebendgewicht schon erreicht. Die Rede ist von meinem Vordermann an der Kasse des Supermarktes. Es ist so gegen 17.00 Uhr und die Berufstätigen versorgen sich mit ihren kulinarischen Genüssen für ihr Abendessen. Fertigpizza von Dr. Oetger und das Komplettpaket Spagetthi mit Soße und Gewürzen dominieren die Einkaufskörbe. Da die meisten einen schönen, entspannten und ereignisreichen Arbeitstag hinter sich haben erleben sie den Aufenthalt im Supermarkt als willkommene Abwechslung. Die Stimmung ist interessiert abwartend.  Sie gleicht damit in etwa der eines Löwengeheges zu Zeiten der Fütterung. Für die sich aufgrund eines ausgeprägten Knurrens in der Magengegend dringlich die Frage stellt, ob sie erst den Tierpfleger oder die hingeworfene Rinderschulter zu sich nehmen sollen.

Mein 120 Kilomann hat keine Rinderschulter vor sich auf dem Band liegen, aber einen Beutel mit Äpfeln. Erstaunlich was man mit Obst so alles an Biomasse aufbauen kann. Noch ganz der Lösung dieser Frage nachhängend reißt mich mein Vordermann in die Wirklichkeit zurück.

„Was, keine Waage? Ich muss die Äpfel am Obststand selbst abwiegen? Das hat mir keiner gesagt! Nee, ich geh jetzt nicht zurück! Seh ich etwa so aus, als würde ich zurück gehen um diese bescheuerten Äpfel abzuwiegen? Ich mag die sowie so nicht! (Mein Weltbild kehrt gerade zurück. Es ist also doch nicht möglich mit Äpfeln 120 Kilo Biomasse anzuhäufen.) Die sind für meine Frau! Kann sie doch die verdammten Äpfel selbst holen!“ Dann drehte er sich zu mir um. „Das ist doch bescheuert, dass ich jetzt zurück soll um die Äpfel abzuwiegen, oder?“

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass es lebensverlängernd wirken soll, vor frei laufenden Stieren auf die nächste Mauer zu flüchten. Und diese 120 Kilo in Rage vor mir sind wahrlich ein hinreichender Grund für die nächste Mauer. „Ja, die ändern in den Supermärkten dauernd die Regeln. Da blickt doch keiner mehr durch“ war meine Mauer. Er schaute mich an wie der Boxer Jo Frazier , kurz bevor er seinem Gegner die Hälfte des Ohres abbiss. Die Äpfel blieben liegen und er verschwand mit der aufbauenden Bemerkung: „Alle bescheuert hier“.

Ich liebe Menschen die sich so intensiv um ihre Gesundheit sorgen und stets darauf achten allen Gefühlen freien Lauf zu lassen damit sie von Magengeschwüren verschont bleiben. Allerdings achte ich nun besonders penibel darauf nicht in einer Schlange mit jemanden zu stehen, der Obst kaufen will. Man weiß ja nie, vielleicht steht wieder eine Unterhaltung an, in dessen Verlauf Mauern eine zentrale Rolle spielen.