Das Gute ist der Feind des Besseren. Wer wie ich fehlerfrei ist, für den ist der Kontakt mit einem perfekten Menschen ein übles Stück Realität. Wie das Wegschmelzen der Polkappen den Eisbären auch nicht gerade in Urlaubsstimmung versetzt, so ist die Gegenwart von derart umwerfender Kompetenz eine große Herausforderung. Doch Hilfe naht. Tall-Poppy kommt.


Da saß er nun, der neue Leiter M&C, Marketing und Communication am Kopf des Konferenztisches. Locker die Beine übereinander geschlagen, die Hände entspannt hinter den Kopf verschränkt. Soweit es eben der, einen Hauch zu enge, Anzug zuließ. Das Lächeln gewinnend, die Sprache weltläufig. „Okay, dann wollen wir uns mal committen.“ Den Ausdruck auf den Gesichtern der Besprechungsteilnehmer hatte ich schon irgendwo mal gesehen. Im Kuhstall war`s.  So schauen einen Kühe an, wenn sich die zu kalte Melkmaschine über die Euter hermacht. Und wie das nun einmal so ist bei den Perfekten, verstand der neue Leiter M&C die Situation sofort. Die Mitarbeiter sind noch ein wenig hinter dem Mond. Aber das wird er noch ändern. Also vorweg ein bisschen warm machen.„Okay, Okay. Dann machen wir erst einmal eine kleine Self-Promotion.

Nach 20 Minuten und zahlreichen Ausflügen in seine Brand Storys, Mega-Deals, und Opportunities war auch der Letzte aus der Runde sprachlos. Mit Augen, die so riesig waren, als hätten sie der Schlange Ka aus dem Jungelbuch tagelang gegenüber gesessen, schauten sie auf diese Offenbarung. Sie saßen mit etwas am Konferenztisch, dass größer war als alles was sie je gesehen hatten. Einige suchten schon verzweifelt auf ihren Handys nach Telefonnummern von Therapeuten, um ihre Versagensängste zu bearbeiten. Andere kritzelten erste Kündigungsentwürfe auf die bereit liegenden Servietten. Spürbare Hektik erfüllte den Raum. Abermals rettete unserer gewandter Leiter M&C die Lage. „Okay, kurze Pause, dann setzen wir unsere Session fort.“ Geordnet, wie beim Verlassen eines lichterloh brennenden Hauses üblich, verließ die Mannschaft den Raum. Alles was nicht zum Überleben gebraucht wurde, ließen sie achtlos im Raum zurück.

Drei Monate nach dieser denkwürdigen Besprechung war der Leiter M&C zu neuen Ufern aufgebrochen. Das Unternehmen war noch nicht reif für seine Ideen, wie er sagte. Möglicherweise war er aber dem Tall-Poppy-Syndrom erlegen. Es handelt sich hierbei um einen aus Australien stammenden Ausdruck, wonach eine besonders große Mohnpflanze, die deshalb aus einem Mohnfeld herausragt, zurechtgestutzt wird. Dieser Selbstreinigungsmechanismus sorgt dafür, dass die Möchtegerne dieser Welt, die sich für etwas Besseres und Wertvolleres als alle anderen halten, Teamspieler werden oder weiter ziehen dürfen. Zum nächsten Poppyfeld.

Allerdings ist mir völlig schleierhaft, weshalb ich zunehmend Bilder mit Mohnblumen geschenkt bekomme. Aber das werden wir dann in der nächsten Session klären.