Gewalt ist keine Lösung. Wer das sagt wohnt entweder bei Mahatma Gandhi um die Ecke oder hat es noch nie mit Chicken Game spielenden Verwaltungsbeamtinnen auf dem Nachhauseweg zu tun gehabt.

18.00 Uhr, Hannover Hauptbahnhof. 1,2 Millionen Menschen sind hier. Ich will mich nicht streiten. Es mögen zwei mehr oder weniger sein, aber es sind definitiv sehr, sehr viele. Und sie alle haben, wie ich, nur ein Ziel. Weg von hier, weg aus Hannover. Und das möglichst schnell.

So gleite ich mit der Geschmeidigkeit eines angewärmten Zäpfchens durch die Menschenmassen in der Bahnhofshalle. Den Kopf leicht geneigt, den Blick nach vorn gerichtet umkreise ich die lästigen „Biber“. Das sind Menschen die sich mitten in Gängen und auf Bahnsteigen platzieren, mit Koffern, Taschen und allem was ihr Haushalt so an Behältern hergibt und wie Biber den Fluss, die Reisenden aufstauen.

Gleis 8, Wagen 32. Ich bin, trotz Biber, auf den letzten Drücker im Zug gelandet. Es ist zwar die Regel, dennoch bin ich immer wieder verblüfft über die Tatsache, dass alle, aber auch wirklich alle den gleichen Zug wie ich benutzen. Das hat veheerende Auswirkungen auf die Anzahl freier Plätze. Umso mehr hat es mich erstaunt in der Mitte von Wagen 32 einen freien Platz an einem Vierertisch auszumachen. Also, nichts wie hin.

Im Urlaub sichere ich mir die Strandliege immer mit einem Handtuch, dass ich frühzeitig, also vor Sonnenaufgang, dort hinwerfe. Bevor die ersten Holländer auftauchen. Genauso verfahre ich in Zügen. Sobald ich einen freien Platz erspähe, werfe ich dort meine Laptop Tasche hin. Wenn es die Lage erlaubt, gern auch aus einigen Metern Entfernung. Und wie ich gerade so ausholen will um meinen Besitzanspruch geltend zu machen, werde ich von einer resolut klingenden Stimme gebremst.

„Das ist mein Platz“ höre ich sie sagen. Und sehe eine Frau die in dieser Frage ähnlich kompromissbereit ist, wie die CIA bei der Erstürmung einer Terroristen Unterkunft. Mein Hinweis, dass dieser Platz ganz offensichtlich nicht reserviert sei, das Reservierungsschild war leer, konterte sie mit dem Einwand, „Egal, ist mein Platz“. 150 Zentimeter Frau gegen 180 Zentimeter Mann. Beide um die 70 Kilo Lebendgewicht standen sich kampfbereit und stumm, den Gang im Zug wie Biber blockierend, an dem nun einzigen freien Platz gegenüber.

Wenn zwei Leute in ihren Autos auf eine Klippe zu rasen, gewinnt der der als letzter bremst. Berühmt geworden ist dieses Spiel durch den Film Jenseits von Eden mit James Dean. Bekannt ist es unter dem Namen Chicken Game. Wer bremst ist das Hühnchen, der Angsthase, der Feigling. Natürlich können auch beide über die Klippe rasen, dann hat keiner verloren. Wobei mir dieser Ausgang nicht wirklich vielversprechend zu sein scheint. Noch in meinen Überlegungen aus Chancen und Risiken des Chicken Game versunken und ganz sicher, es hier mit einer Meisterin dieses Faches zu tun zu haben, machte sie den nächsten Spielzug.

„Passen sie auf, wir machen folgendes“ sagte sie zu mir. „Wir beide schauen jetzt auf das Reservierungsschild und wir stellen uns vor, dort steht reserviert.“ Sprach`s und setzte sich mit der Bemerkung: „Wir Verwaltungsbeamtinnen sind pragmatisch.“

Ich hab dann einen schönen freien Stehplatz auf dem Gang vor der Toilette gefunden. Auf dem Boden stand: „Nur für Chicken, bitte freihalten.“