Der oder die Durchschnittsdeutsche fühlen sich nach 45 Tagen im Unternehmen schon wieder so urlaubsreif, dass sie am liebsten zurück auf die Insel wollen. Vermutlich waren sie noch nie auf einer Südseeinsel, sonst würden sie nicht so leichtfertig daherreden.

Irgendwie muss etwas grundlegend in der Arbeitswelt schief laufen, wenn man den Ergebnissen einer Studie der GFK folgt. Das Gefühl entspannt und ohne Stress zu arbeiten ist bei den meisten schon nach 45 Tage nach ihrem Urlaub verflogen. Insbesondere die Jungen (18-29) halten`s nicht aus. Sie wollen schon nach 5 Wochen  das Handtuch werfen. Die Mittelalten (30-59) halten da schon länger durch, so um die 5 Wochen und die ganz Alten (60-) sehen es völlig entspannt und wollen erst nach 8 Wochen wieder weg.

Besonders hart haben es die Rheinland-Pfälzer und die Saarländer. Sie liegen im Länderranking auf den ersten beiden Plätzen und wollen schon nach 43 Tagen wieder weg. Die Hamburger halten es von allen Deutschen am längsten aus (57 Tage). Dithmarscher sind bei der GFK nicht gesondert aufgeführt. Das hat bestimmt damit zu tun, dass sie gar nicht erst wegfahren oder wenn es den unbedingt sein muss, auf keinen Fall wieder hin wollen. Sie arbeiten einfach gern und sind nicht so luschige Warmduscher wie die Pfälzer oder Saarländer. Mit einer Ausnahme, wenn der Dithmarscher die Chance hat eine Südseeinsel zu bereisen, dann ist er Feuer und Flamme.

Als Jugendlicher in Dithmarschen, wo die Nächte dunkel und trüb sind und sich nicht wesentlich von den Tagen unterscheiden, hatten wir gelegentlich den Wunsch mal was ganz anderes zu sehen. Ganz weit weg zu fahren. Also etwas weiter als die üblichen 20 Kilometer, die den normalen Bewegungsradius des Dithmarscher entsprechen. In die Südsee zum Beispiel. Blauer Himmel, Sonne, türkis blaues Wasser und weißer Strand. Statt Rüben und Kohl, Papaya und Rum in Kokosnüssen. Weil die Kontoauszüge der Dithmarscher Stadtsparkasse uns damals allzu deutlich nahe legten es bei den Prospekten zu belassen, schworen wir uns, wenn wir alle später einmal reich geworden oder geerbt hätten, in die Südsee zu reisen. Und das ging ziemlich schnell. 30 Jahre später war es soweit. Wir waren zwar nicht reich, aber die Preise so nierig dass es jetzt drin war.

Die Insel der Glückseligkeit heißt Rarotonga und liegt irgendwo vor Neuseeland. Sie ist klein, aber ausreichend groß um die Langstreckenflugzeuge von Los Angeles nach Auckland landen lassen zu können. Und wir Dithmarscher die wir dort landen haben genaue Vorstellungen von der Südsee. Sie soll warm, blau, hell, sonnig und bunt sein. „Wir sind soeben auf dem International Airport von Avarua, der Hauptstadt von Rarotonga, gelandet“ schallt es aus den Bordlautsprechern des Fliegers. Na dann kann`s ja losgehen mit der Südsee, dachte ich mir und ging durch die Kabinentür nach draußen. Es war dunkel, regnete und die Gangway wackelte wie ein Brett auf dem Misthaufen, wenn man mit der Schubkarre drüber fuhr. Ich fühlte mich sofort heimisch.

Orientierungstechnisch war die Insel optimal. Verlaufen oder verfahren war nicht drin. Sie hatte nur eine Strasse die einmal um die Insel führte und 31 Kilometer lang war. Halbe Stunde mit dem Motorroller und man war wieder da, von wo man aufgebrochen war. Ideal für Rundstreckenrennen. Und überall war türkis blaues Wasser, weißer Strand und Palmen. Die Häuser konkurrierten in ihrer Farbenpracht mit dem Blütenmeer das sie umgab. Ein Paradies, ganz ohne Zweifel. Doch wie das mit den Paradiesen so ist, was macht man den ganzen Tag dort. Vom Baum der Erkenntnis essen? Das ist schon vor einiger Zeit im Garten Eden versucht worden und gründlich schief gegangen. Von Morgens bis Abends mit dem Roller um die Insel und versuchen Bestzeit zu fahren? Oder vielleicht doch aufs Meer gucken bis man aussieht wie Hemmingway auf Entzug?

Nein, wenn es hier schon so schön ist, dann kann auch die Welt daran teilhaben, dachte ich mir und verbrachte fortan meine Zeit im einzigen Internetcafe der Insel. Nichts rettet einen so gut über die Zeit im Paradies wie eMails. Von nun an wurde ich zum Schrecken der Postfächer von Freunden, Kollegen und allen Anderen deren Adressen ich habhaft werden konnte. Meine kleinen Statusmeldungen handelten von den Vorzügen der Gegend und seinen unbegrenzten Möglichkeiten. „Die Südsee ist so lebendig wie der Wiener Zentralfriedhof“, oder „Immer blau, immer sonnig, wahrscheinlich haben die hier die höchste Selbstmordrate der Welt“ wie auch „10 Tage sind nicht die Welt, aber zum Sterben lang genug“ titelte ich in meinen Meldungen aus dem Paradies und ließ die Welt teilhaben. Die Welt wollte das zwar nicht, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen.

Vor einigen Zeit brachte ich jemanden Schokoladenmuffins mit Bananenfüllung mit. Nach dem ersten Bissen sagte er mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht zu mir: „Donnerwetter, das ist aber mal was ganz anderes. Beim nächsten Mal kannst du mir wieder die normalen Schokomuffins mitbringen. Wer das Gefühl hat nach 45 Tagen gestresst zu sein und wieder auf die Insel zu wollen, sollte einmal in seinem Leben nach Rarotonga fliegen oder Schokomuffins mit Bananenfüllung essen. Dann ist man geheilt und will Urlaub oder Kuchen, wenn überhaupt, nur in ganz großen Abständen. Das hält deutlich länger als 45 Tage.