Wer einen neuen Job sucht oder in den Singlebörsen mehr als nur den wohlgemeinten Hinweis ernten will, doch demnächst einen Schönheitschirurgen zu besuchen um wenigstens die gröbsten Verwerfungen im Gesicht beseitigen zu lassen, der sollte gute Bilder von sich machen lassen. Allerdings keine aus allzu großer Nähe.

Neulich fuhr ich, nach langer Abstinenz, mal wieder mit einem Bus. Laut Fahrplan sollte die Fahrt 80 Minuten dauern. Tolle Sache dachte ich mir. Einmal nicht selbst zu fahren, sich ganz auf die Landschaft konzentrieren zu können, versprach Entspannung der höchsten Kategorie. An der Bushaltestelle angekommen, hatten sich schon einige Fahrgäste dort eingefunden. Meiner ersten Hochrechnung nach zu urteilen, zuviel für einen Bus. Macht gar nichts, dachte ich mir, wozu hat mich die Natur mit Ellenbogen ausgestattet? Bis auf vier oder fünf stämmige Kerle waren nur Fahrgäste mit Seniorenbefreiung unterwegs. Als der Bus dann kam, wurde mir schlagartig ein weiteres Phänomen deutlich. Busse kommen grundsätzlich voll an der Haltestelle an, an der man selbst wartet.

Doch auch ich kam Schluss in den Bus. Niemand sollte wie ich den Fehler begehen, Fahrgästen mit Seniorenbefreiung und Gehstöcken ein verringertes Maß an Durchsetzungsfähigkeit zu unterstellen. Sie bewegen sich in Bussen mit der gleichen Geschmeidigkeit wie Alligatoren in einem Rudel Gnus. Da die Plätze in den Gepäcknetzen unzugänglich waren, stand ich mit vielen anderen im Mittelgang des Busses. Die Beschreibung „Wie die Sardinen in der Büchse“ war nicht zutreffend. Sardinen können liegen und das verspricht wesentlich mehr Komfort als stehend, kurvige Landstraßen mit einem Linienbus zu überstehen.

Die Nähe die bei einer solchen Fahrt zwischen den Fahrgästen entsteht schweißt zusammen. Wo sonst lassen sich Details wie die Anzahl der Zahnfüllungen oder die letzte Ohrreinigung des Gegenübers mit solcher Präzision bestimmen. Man kann ohne Übertreibung sagen, wir alle sind uns näher gekommen. So nah, wie sonst nur selten.

Üblicherweise ist nämlich bei 40 Zentimetern Schluss. Nach dem Konzept der sozialen Distanz beginnt da bei den meisten von uns die Intimzone. Und wer die betritt sollte gute Gründe haben, sonst starten wir unser Selbstschutzprogramm. Gehstöcke werden dann zu Schlagstöcken, Reisetaschen zu gnadenlos eingesetzten Airbags und Rucksäcke zu willkommenen Raumeroberungsinstrumenten. Verbeißen in die Wade oder auch Abdrücken der Halsschlagader des Vordermannes konnte ich hingegen nicht beobachten.

Ein ähnliches Selbstschutzprogramm fahren wir ab, wenn wir Portraits von Menschen ansehen, die aus großer Nähe aufgenommen wurden. Ronnie Bryan und seine Kollegen vom California Institute of Technology in Pasadena haben das herausgefunden. Sie hatten einer Anzahl Versuchspersonen Fotos gezeigt die aus 40 Zentimetern und solche aus 135 aufgenommen wurden. Den aus 40 Zentimetern abgebildeten wurde weniger Sympathie entgegen gebracht, sie galten als weniger vertrauenswürdig und wurden für inkompetenter gehalten.

Was lehrt uns die Geschichte. Für Bewerbungsfotos und Singlebörsen lieber weiter weg, in Bussen möglichst dicht ran. Vielleicht steigt der Eine oder Andere dann gar nicht erst ein, was ungeahnten Raumgewinn verspricht. Allerdings hab ich mich schon einmal mit den Seniorenbefreiten getäuscht.