Sie rufen an, klingeln an Ihrer Haustür, stehen unvermittelt vor Ihrem Schreibtisch oder hinter Ihnen in der Kantine und wollen nur mal kurz was mit Ihnen besprechen oder schnell was von Ihnen haben. Wer auf der Suche nach eleganteren Möglichkeiten als der körperlicher Misshandlung ist um diese Zeitgenossen los zu werden, sollte sie an Oma erinnern.

Wir könnten uns viel Leid ersparen wenn wir daran denken, dass alles was klein und niedlich ist, irgendwann groß und gemein wird. Mit 6 Monaten lächeln Kleinkinder so herzerfrischend, dass man sie nie wieder hergeben möchte. Mit 16 Jahren bringen sie einen so zur Weißglut, dass man sie nie wieder ins Haus lassen will. Unser Rosenbusch vor dem Haus hat sich diese Entwicklungsgeschichte von unseren Kindern abgeschaut. Vor einigen Jahren war er klein, die paar Blütenblätter die er abwarf waren nicht der Rede wert und passten locker auf unsere kleine Kehrschaufel. Heute ist er groß und produziert soviel Blütenblätter, dass wir alle Wellnesshotels auf Sri Lanka damit beliefern könnten. Als wäre das nicht schon genug, hat sich unser Rosenbusch darauf spezialisiert, Blätter mit Zweikomponentenkleber herzustellen. Sobald sie auf den Boden unserer Veranda fallen, gehen sie eine so dauerhafte Verbindung ein, wie Kukident mit den Dritten. Um sie zu entfernen gibt es zwei Möglichkeiten: Neu fliesen oder kärchern.

Und jedes Jahr entscheide ich mich für die zweite Variante, weil Fliesen in meiner Hand die unnötige Eigenschaft aufweisen, niemals gerade zu liegen. Und jedes Jahr führt mich mein Weg zu unserem Nachbarn. Er hat einen Kärcher Hochdruckreiniger. Natürlich kenne ich die Geschichte vom Hammer. Der 2007 verstorbene Kommunikationswissenschaftler Paul Wazlawik hat darin eindrucksvoll beschrieben, was einem Mann durch den Kopf geht, wenn er von seinem Nachbarn einen Hammer leihen will. Am Ende der Geschichte tobt eben dieser Mann wütend zu seinem Nachbarn und schreit ihn an, dass er seinen verdammten Hammer behalten kann. Doch ich habe freundliche und hilfsbereite Nachbarn, die mir in jeder Hinsicht zur Seite stehen.

Allerdings beobachte ich in den letzten Jahren bei meinem Kärchernachbarn kleine Veränderungen im Verhalten. Wenn die Rosenblätter beginnen unsere Veranda in ein wasserloses Wellnessbad zu verwandeln, dann verschwindet er aus meinem Blickfeld. Natürlich glaubt mein Nachbar, dass es mir nicht auffällt und ich ihn nicht hinter seinen Gardinen versteckt, stehen sehe. Wo er denkt: „Kommt Schröder wieder um den Kärcher zu leihen? Warum kauft er sich nicht selbst einen? Der hat doch genug Geld. Diese Berater, immer wollen sie alles umsonst haben. Der kriegt dieses Jahr meinen Kärcher nicht! Soll er doch sehen, wie er seine Rosen weg kriegt.

Doch da hat mein Nachbar die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden. Also mache ich mich auf den Weg zu der Nachbarhaustür. In meinem Kopf war alles schön sauber geplant. Ich würde klingeln, eine smarte Begrüßung raushauen, bisschen smal talk machen, auf die Rosen hinweisen und dann nach dem Kärcher fragen. Ich klingele also und ehe ich auch nur Guten Tag sagen konnte, höre ich wie mein Nachbar mich fragt: „Is` was mit Oma?

Nachdem ich anschließend den gesamten Nachmittag damit verbrachte über den Gesundheitszustand meiner Oma nachzudenken, was mit einigen weiteren Fragen verbunden war, da sie seit einigen Jahren tot ist, fiel mir dieses Seminar wieder ein: „Eigene Ziele verfolgen – Gespräche erfolgreich in eine andere Richtung drehen“? Mein Nachbar muss da den Master gemacht haben. So verteidigt man seinen Kärcher.