Wenn 16jährige verreisen und 40jährige 50jährigen den Ablauf erklären, dann wird es äußerst unterhaltsam.

Der Typ rechts neben mir mit dem iPhone 4 spielt ein bisschen damit rum. Die Frau gegenüber schreibt noch schnell eine SMS und das Schülerpaar ein paar Bänke weiter tauscht per Handy Adressen. Ich bin mitten im Land der unbegrenzten Kommunikation. Im Land von Facebook, Twitter und Co. Bis die Veranstaltung beginnt und wir die Steinzeit betreten.

Geplant ist ein Schüleraustausch und um ihr Erscheinen wurden gebeten die Eltern und Teilnehmer dieser Reise. Da saßen wir nun auf viel zu kleinen Stühlen und mit viel zu müden Gesichtern um zu erfahren was notwendig und wissenswert war. Meine Jacke hatte ich erst gar nicht ausgezogen. Das ist meine Strategie um mir und allen anderen zu zeigen, dass ich eine kurze Besprechung erwarte die das Ausziehen der Jacke überflüssig macht. Das hat zwar noch nie gewirkt, ich mache es aber immer wieder. Magisches Denken nennt man so etwas, glaube ich.

Vor mir summt unüberhörbar ein Overheadprojektor der ersten Stunde. Ich bin mir sicher, dieses Modell hat die Schule vom historischen Museum ausgeliehen um zu demonstrieren, dass ein solches Gerät auch nach hunderten von Jahren noch einwandfrei funktioniert. Daneben, fein säuberlich aufgehäuft, mehrere Stapel kopiertes Papier. Diese Stapel werden irgendwann mit der Bemerkung „Ich lasse das jetzt mal rumgehen“ von zwei Seiten zeitgleich ihre Reise durch die Sitzreihen antreten. Doch an dem Punkt sind wir noch nicht. Wir sind noch an dem Punkt, den Lehrerinnen bei der emsigen Vorbereitung des heutigen Abends zuzusehen. Soweit so gut und soweit wie immer. Doch dann die Überraschung.

Es geht alles ganz schnell. Die Zettel werden verteilt, die Inhalte darauf von den Lehrerinnen kurz vorgelesen. Die Anwesenden aufgefordert bei Unklarheiten nachzufragen, ansonsten ist das für heute alles. Ich war platt und musste mich erst einmal aus meiner halbkomatösen Schutzstarre befreien. Sollte ich jetzt tatsächlich Zeuge einer bahnbrechenden Neuerung gewesen sein. Schnelle und zielgerichtete Besprechungen und die auch noch in der Schule. Davon könnte sich so manches Unternehmen eine Scheibe abschneiden. Doch nun beschäftigt mich eine andere Frage: „Warum sind wir überhaupt dort gewesen?“

Da sitzen 16jährigen die mit dem Internet so verbunden sind wie Kukident mit den dritten Zähnen. Eltern die ihr Smartphone häufiger streicheln als ihre Ehepartner und Lehrer die sicher schon mal die eine oder andere Mail verschickt haben. Hätte es nicht mehr Sinn gemacht alle Informationen ins Netz zu stellen und ein Forum zu eröffnen in dem alle Fragen gestellt werden können und alle Antworten zu finden sind. Statt den Abend für die nackte Informationsverteilung zu nutzen wäre es möglich gewesen den Anwesenden die Vorfreude auf die Reise zu erhöhen. Etwa durch You tube Videos der Orte wo die Jugendlichen ankommen, abreisen und hingehen werden. Google Streetview könnte Einblicke in die Wohnsituation der Gastfamilien geben und die Lehrerinnen/Schüler könnten ein Blog über ihre Erlebnisse schreiben. Dazu hätte es nicht mehr als ein Laptop mit Internetanschluss und einen Beamer bedurft. Nicht die Welt in der Anschaffung aber eine völlig andere Welt der Vermittlung.

Gunter Dueck hat auf der Web 2.0 Veranstaltung re:publica einen sehr interessanten Vortrag über die zukünftige Rolle der Lehrer und anderer Berufe in Zeiten des Internets gehalten. Darin sagt er das völlige Verschwinden dieser Berufe in der jetzigen Form voraus. Seiner Meinung nach wird und soll das Internet die Wissensvermittlung in großen Teilen übernehmen. Sehr sehenswert und vor allem in der Schlichtheit der Begründung sehr beeindruckend.