Immer alles auf den letzten Drücker erledigen ist auch ein Weg.

Es gibt immer wieder Tage an denen ich mich bei allem Möglichen erwische, nur nicht dabei die Dinge die zu tun sind, zügig zu tun. Statt den Projektbericht zu schreiben lese ich die Wochenzeitung intensiv wie nie, surfe ebenso lustvoll wie wahllos im Netz und plane ausgiebig den kommenden Sommerurlaub, der ja schließlich unmittelbar bevorsteht. OK, 7 Monate ist nicht gerade unmittelbar, aber besser jetzt planen als später. Bisher dachte ich immer das sei meine persönliche Macke, die zu mir gehört wie Schuhgröße und Augenfarbe. Doch weit gefehlt, denn in Wahrheit bin ich krank. Diagnose: Prokrastination. Die soll heilbar sein, doch ich bin mir nicht sicher ob ich geheilt werden will.

Seit den achtziger Jahren wird erforscht warum Menschen immer wieder gewohnheitsmäßig Dinge aufschieben, die getan werden müssen. Weltweit soll jeder fünfte davon betroffen sein. Der amerikanische Wissenschaftler Joe Ferrari ist eine Kapazität auf diesem Gebiet. Seiner Ansicht nach, handelt es sich um eine Erkrankung die mit Verhaltenstherapie behandelt werden muss. Das Klientel wird grob in zwei Gruppen eingeteilt:

Erregungsaufschieber. Immer auf den letzten Drücker treibt ihn der Kick es am Schluss doch zu schaffen an.
Vermeidungsaufschieber. Um keine Ausrede verlegen, meidet er den Druck aus Angst zu versagen und versagt am Ende doch.

Die Uni Münster hat diesem Phänomen schon Rechnung getragen und eine spezielle Prokrastinationsambulanz aufgebaut. Hier lernen Betroffene die aus der Krankheit resultierenden Störungen zu beheben. Dazu zählen z.B. die 72 Stunden Regelung (wer sich etwas vornimmt, muss es in 72 Std. erledigen) oder die Vorplanung (notieren was man an folgenden Tag in welcher Reihenfolge tun wird). Alle diese Dinge sollen dazu beitragen, den Betroffenen das Leben leichter zu machen  und sie befähigen notwendige Dinge nicht mehr aufzuschieben. Das Leiden hat dann ein Ende. Doch ist es wirklich nur Leiden?Wer leidet oder Nachteile dadurch hat, muss was tun, ohne Zweifel. Doch muss es alles immer gleich so groß aufgehängt werden? Können wir nicht auch die positiven Seiten eines solchen Verhaltens stärker hervorheben?

Weder fühle ich mich den Erregungsaufschiebern, klingt ein wenig nach Coitus Interruptus, noch den Vermeidungsaufschiebern nahe. Stattdessen genieße ich den eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Umgang mit meinem Leben. Dazu gehört das Aufschieben, das Vertagen, das völlige Unterlassen ebenso wie das schnelle Erledigen, das zügige Abarbeiten und die lange im Voraus zu planenden und durchzuführenden Tätigkeiten. Sie alle sind die unterschiedlichen Seiten eines völlig normalen Umgangs mit den tagtäglichen Anforderungen. Und manchmal ist eben Aufschieben auch sehr schön. Es muss ja nicht gleich eine so harte Nummer sein, wie die, die mir vor mehr als zwei Jahrzehnten im öffentlichen Dienst von einem Kollegen vorgeschlagen wurde: „Wenn das Telefon klingelt, dann lässt du es sechsmal klingeln. Wer vorher auflegt will nicht wirklich was von uns, bzw. wenn er wirklich was von uns will, dann ruft er wieder an“.

Nun wäre nur noch zu klären ob meine mangelnde Krankheitseinsicht nicht schon wieder ein Symptom eines noch viel tiefer liegenden und umfassenderen Defektes ist. Verdrängerritis. ICD F60.6