Mein Freund Klaus kann lesen und schreiben. Das können die Tauben nicht. Die Tauben lassen sich durch schlechte Nachrichten nicht entmutigen. Klaus auch nicht. Die Tauben und Klaus sind echte Stehaufmännchen und verfügen damit über eine sehr wünschenswerte Fähigkeit: Resilienz.

Zwei Jahre währte mein Kampf mit den Tauben unter unserem Balkon. Sie hatten ihn sich irgendwann einmal als idealen Nistplatz ausgesucht. Alles hab ich versucht um sie zu verscheuchen. Rabenattrappen, Windspiele, Wassergüsse und Maschendraht. Während sie munter ein Ei nach dem anderen ausgebrüteten, biss ich aus Verzweiflung in die Stuhllehne unseres Gartenstuhls. Es änderte nichts.

Mein Freund Klaus ging mit Magenbeschwerden zum Arzt. Stress in der Arbeit, wenig Bewegung und das eine oder andere Kilo zu viel. Nichts Ernstes, er wusste das. Allerdings fand sich in dem Arztbericht der Befund adipöser Ernährungszustand. Für Klaus kein Problem. „Schröder, bei mir haben sie einen adipösen Ernährungszustand festgestellt. Ja mein Lieber, da musst du erst mal hinkommen.“ So spricht jemand der gerade von der Queen Mum geadelt wurde. Klaus haut nichts um.

Wie kommt das eigentlich, dass manche immer wieder auf die Beine kommen wo andere straucheln oder gar liegen bleiben?  Antwort auf diese Fragen geben die Studien von Glen Elder, Emmy Werner und Boris Cyrulnik. Sie untersuchten Kinder die trotz schwierigster Lebensumstände, wie z.B. Armut, Drogenkonsum oder Gewalt sich zu erfolgreich sozialisierten Erwachsenen entwickelten. Ausschlaggebend für die Fähigkeit widrigen Lebensumständen zu trotzen sind unter anderem, stabile Familienbeziehungen, eine gute schulische Umgebung und soziale Einbindung.

Das Klaus seine Stehaufmännchen-Qualitäten einem liebevollem Elternhaus verdankt, kann ich mir vorstellen. Aber was ist mit den Tauben? Stabile Familienbeziehungen haben wir ihnen nicht geboten, wenn man einmal von der Zuwendung mit kaltem Wasser absieht. Auch die soziale Einbindung ging über ein Mindestmaß nie hinaus. Wir haben weder mit Ihnen Geburtstage gefeiert noch zu anderen Anlässen eingeladen. Leider kann ich sie nicht mehr fragen wie sie trotz der unvorteilhaften Behandlung durch uns zu ihren Fähigkeiten gekommen sind, denn großflächig gespannte Vogelnetze unter unserem Balkon haben  sie dazu veranlasst, beim Nachbarn zu brüten. Der übt sich jetzt in Resilienz. Ich wird ihn demnächst einmal fragen, wie er damit voran kommt.