Gute Unternehmen haben gute Geschichten

„Weißt du noch, wie wir uns zu viert einen Schreibtisch geteilt haben, weil für mehr kein Geld da war?“ Wenn Menschen von ihren Unternehmen erzählen, dann sind das meist keine Geschichten über Deckungsbeiträge, Zahlungsziele oder Kennzahlen. Es sind Beschreibungen besonderer Erlebnisse die eine bleibende Erinnerung in ihnen hinterlassen haben. Zusammen genommen bilden alle diese einzelnen Geschichten den Kern dessen was das Unternehmen ausmacht, seine Kultur. So wie die Geschichte vom Chef und der Schraube.

Als Lehrling konnte ich miterleben wie unser Chef, genannte der Alte, Besitzer eines großen Volkswagen Betriebes, einen Autoschlosser in eine schier ausweglose Situation brachte. Unser Chef war berühmt dafür, dass er über den riesigen Hof seines Autohauses lief und sämtliche Schrauben, Muttern und sonstige Verbrauchsteile, gleichgültig wie rostig sie waren aufsammelte und ins Lager brachte. Dort gab er sie mit der Bemerkung ab: „Mach die mal sauber, die kann man noch benutzen.“ Wir Lehrlinge bekamen vom ersten Tag an diese Lektion, bloß an keiner Schraube vorbeizugehen, verabreicht wie anderenorts eine Tetanus Impfung. Wie das in mitarbeiterorientierten Unternehmen natürlich üblich ist, wurden wir Lehrlinge von den Gesellen, die Gesellen von den Altgesellen und die Altgesellen von den Meistern zusammen geschissen, wenn sie dieses ungeschriebene Gesetz nicht befolgten.

Doch die richtig Coolen setzten sich darüber hinweg. „Ich bin doch nicht der Heiopei und sammel hier `nen alten rostigen Nagel auf, bloß weil der Alte rumspinnt.“ Jeder auf seine Art war ein astreiner Widerstandskämpfer, wie er auch nicht tapferer im heutigen Tunesien zu finden wäre. Die Tapferkeit hatte, wie sich von selbst versteht, dann ein Ende wenn der Alte in der Nähe war. Schließlich ist man kein japanischer Kamikaze Pilot. Mutiger Kämpfer oder zahnloses Weichei, vor dieser Alternative stand nun unser armer Autoschlosser.

Wie Gary Cooper in dem Western „Zwölf Uhr Mittags“ startete auf der einen Seite des Hofes unser Autoschlosser seinen Weg zu Montagehalle während von der entgegengesetzten Seite der Alte ebenfalls dahin unterwegs war. Allerdings lag, gut sichtbar auf halber Strecke des Autoschlossers, eine achter Gewindeschraube mit Mutter auf dem Weg. Ihr auszuweichen war unmöglich. Die Schraube aufheben ging allerdings auch nicht. Denn hinter den Fenstern der Halle standen die Kollegen und wollten sehen wie das Ich-heb-doch-keine-Schrauben-auf-Großmaul das wohl hinkriegen würde. Dabei war keineswegs sicher, dass der Alte mitkriegen würde wenn er die Schraube liegen ließe. Dennoch bestand ein Restrisiko, dass er es eben doch sehen und unseren armen Gesellen zur Sau machen würde. Heutzutage hieße das wohl in einem Dilemma stecken, damals hieß es, na der steckt schön in der Scheiße.

Auf Höhe der Schraube angekommen verlangsamte er sein Tempo ohne allerdings zum Stillstand zu kommen und griff in einer fließenden Bewegung, mit leicht nach vorn gebeugten Oberkörper, Schraube samt Mutter. Das geschah so grazil, dass nur mit Mühe zu beobachten war, was er da tat. Nichteingeweihte konnten denken er entspannte seinen Arm indem er ihn ein wenig schlackernd vor und zurück bewegte. Wie gesagt, dass konnten aber nur die Nichteingeweihten denken. Uns, den Wissenden war klar er ist eingeknickt, hat schlicht Schiss gehabt und die Schraube aufgesammelt. Spott und Hohn, Applaus und Hurra Rufe begleiteten ihn auf seinem Weg in die Halle. Er war unser Held. Er hatte die Lücke zwischen Anpassung und Aufstand gefunden. Den formvollendeten Scheinwiderstand.

PS. Unnötig zu erwähnen, dass dieser Betrieb keine Poster an den Wänden hängen hatte, die Materialverschwendung geißelten. Es gibt schließlich Geschichten.