Missverständnisse können Spaß machen.

Ich: „Das Fenster ist offen“. (Verdammter Mist, ist das hier kalt. Mach endlich das Fenster zu.) Sie: „Ja, die frische Luft tut gut“. (Hier stinkt es. Und du, mach ruhig das Fenster zu, wenn Du Streit willst). Dies, ein typisch Norddeutscher Dialog. Kurz, sachlich und informativ. Alles ist gesagt, das Meiste gedacht und jeder weiß woran er ist. Wir sind eben Experten darin, hochkomplexe Sachverhalte in leicht zu verstehende, aber schwer zu verdauende Bauteile zu zerlegen. OK, hierbei können gelegentlich Missverständnisse auftreten. Auch längere Perioden des Schweigens sollen schon beobachtet worden sein. Aber die haben Süddeutsche auch, wie ich bei einer Lesung des Journalisten und Buchautors Axel Hacke in Bremen erfuhr. Sein weißer Neger Wumbaba kann einiges darüber erzählen.

Für viele von uns besteht der berufliche Alltag aus Sprechen, Zuhören, Gesten einschätzen, Stimmungen wahrnehmen, kurz aus Kommunikation. Und natürlich haben wir den einen oder anderen professionellen Tipp in der Hinterhand, wenn wir unserem Tagwerk nachgehen. Sprechen sie offen, sagen sie ich, bleiben sie bei der konkreten Situation usw. Wir tun alles in der Hoffnung, von den Menschen, die um uns herum sind, verstanden zu werden. Doch was, wenn die etwas völlig anderes verstehen? Und das falsch Verstandene auch noch arglos in die Welt hinaustragen. Für die einen sind es Missverständnisse (Meine Güte, das hab ich so gar nicht gemeint.), für die anderen die gehörte Wahrheit (Das haben sie doch so gesagt.).

Mitunter entstehen durch solche Missverständnisse riesige Probleme, wie im Falle der Solidaritätsbekundungen der deutschen Bundesregierung nach dem Anschlag vom 11. September auf das World Trade Center. Die amerikanische Regierung leitete aus der 100% igen Solidarität der Bundesrepublik mit den Amerikanern auch die deutsche Teilnahme am Irakkrieg ab. Was bekanntlich nicht geschah und für eine jahrelange Verstimmung zwischen beiden Staaten sorgte.

Doch es gibt auch Missverständnisse, die schlicht witzig sind oder gar dem Missverstandenen eine völlig neue Bedeutung  zuweisen. Axel Hackes Buch „Der weiße Neger Wumbaba„, eine Sammlung von Hörfehlern, beschreibt solche Missverständnisse. Das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ nach einem Gedicht von Matthias Claudius enthält die Textzeile: „Und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“ Ein Mädchen allerdings verstand: Und aus der Isar steiget der weiße Neger Wumbaba.

Auch die Kirche ist zuweilen in Missverständnisse verstrickt. So kam ein bayrischer Schüler aufgeregt nach Hause und berichtete seiner Mutter: Morgen kommt der Erdbeerschorsch und wird uns filmen. Die Mutter aufgebracht, den Kopf voller Missbrauchsgedanken, rief in der Schule an. Dort klärte sich alles als großes Missverständnis auf. Den Schülern wurde gesagt: Morgen kommt der Erzbischof und wird euch firmen.

Doch nicht nur in Schule und Kirche ist ein guter Boden für Missverständnisse vorhanden. Die Musikindustrie ist ebenfalls gut dafür. So singt das Berliner Duo Ich + Ich in seinem Lied „Pflaster“ folgenden Refrain: Du bist das Pflaster für meine Seele, wenn ich mich nachts im Dunkeln quäle, es tobt der Hass da vor meinem Fenster. Laut singend geben viele Zuhörer dem Text eine völlig neue, tiefschürfende Wendung: Du bist das Flachdach für meine Seele wenn ich mich nackt im Dunkeln quäle, es tobt der Hamster vor meinem Fenster.

Übrigens bin ich auch ein vergnüglicher Hamsterfreund. Es kam mir bis zur Lesung von Axel Hacke nicht in den Sinn, etwas anderes vor meinem Ich + Ich Fenster zu dulden, als dieses possierliche Tierchen. Schade eigentlich, aber es gibt ja noch Herbert Grönemeyer, der Nuschler vor dem Herrn. In seinen Lieder wird sich bestimmt noch das eine oder andere Tier finden lassen.