Keine Lust die 500 Seiten selbst zu kopieren? Und der Typ aus der Wirtschaftsabteilung will partout nicht Ihre Argumente teilen, warum es besser ist dass er es macht und nicht Sie? Dann fehlt es Ihnen vielleicht an der nötigen Menschenkenntnis. Doch keine Angst, das lässt sich lernen. Ob Sie es allerdings zu einer solchen Perfektion wie der Campingplatzbesitzer in Grainau bringen werden, der aus den drei Bausteinen Auto, Wetter und Kleidung die Selbstmordwahrscheinlichkeit eines Gastes herausarbeitet, bleibt fraglich.

Grundsätzlich haben wir es mit drei Typen von Menschen zu tun. Da ist der Dynamiker. Er liebt die Action und nimmt seine, kurz vor der ersten Schwimmprüfung stehenden Kleinkinder, gern auch mal auf eine Wildwassertour in die Rocky Mountains mit. Demgegenüber steht der Logiker. Er will Sicherheit und Kontrolle. Blutdruck, Harnsäure, Zuckerwerte als auch Blutfette werden täglich in Excel Tabellen dokumentiert auf unerklärliche Abweichungen hin ausgewertet. Ergänzt werden die beiden Typen durch den Sympathiker. Er strebt nach Anerkennung und Harmonie. Für einen entspannten Abend auf dem Sofa trägt er auch schon mal den Müll runter. Identifizieren lassen sich die drei Typen über die Sprache. Dynamiker kommen schnell auf den Punkt, Sympathiker haben es gern etwas ausschweifender und Logiker lieben Fakten. Soweit so gut, doch wie sieht die Praxis der Menschenkenntnis aus?

Für ein verlängertes Wochenende fahre ich ins bayrische Grainau um von dort auf die Zugspitze zu wandern. Das Wetter ist typisch Norddeutsch. Regen, verhangener, grauer Himmel und so um die 10 Grad. Das Rezeptionsgebäude des Campingplatzes sieht aus wie die Bonanza Ranch der Familie Cartwright nachdem Hoss, Little Jo und die anderen entschieden haben den Pinsel aus der Hand zu legen. Breitbeinig auf der Veranda stehend empfängt mich der Platzbesitzer. Keine Mine regt sich in seinem Gesicht während ich auf ihn zugehe. „Haben Sie einen Platz für mich und mein Zelt?“ Seine souveräne Antwort: „Ja, folgen sie mir“ überraschte mich nicht wirklich. Der Zeltplatz war leer.

Nach zwei Tagen, der Platzbesitzer stand wie immer beobachtend auf seiner Veranda, kam es zwischen uns zu ersten vertrauensbildenden Maßnahmen. Den Kopf leicht neigend, so wie es Gary Cooper in 12 Uhr mittags tat, begrüßte er mich. Ich setzte mich in sicherer Entfernung an den Gartentisch für Camper die sich keinen eigenen Stuhl geschweige denn Tisch leisten konnten. Nach dieser warmherzigen Begrüßung taute der Mann förmlich auf und es sprudelte nur so aus ihm heraus: „Aus Bremen?“ Ja, ich bin aus Bremen. „Gut!“ Nach diesem ausführlichen Gespräch gingen wir wieder unseren Tätigkeiten nach. Er beobachtete mich und ich versuchte den Eindruck zu erwecken als wüsste ich wie mein neu erworbener Kocher überhaupt funktioniert.

Dieser Zustand völliger Harmonie und Übereinstimmung zweier Menschen die in ihren Arbeiten aufgehen und sich wortlos verstehen durchbrach der Platzbesitzer abrupt indem er zu mir sagte: „ Sie waren mir bei ihrer Ankunft ja nicht ganz geheuer.“ Aha und weshalb das? „Naja, da kommt so ein Kerl aus Bremen mit einem Audi tt Cabrio, ist gekleidet wie jemand der gerade aus dem Modehaus gesprungen ist und will bei völlig bescheuertem Wetter auf einem mittelmäßigen Campingplatz allein zelten.“ Und, was dachten Sie warum ich hier bin? „Ich dachte, der Kerl ist von seiner Alten vor die Tür gesetzt worden und will sich nun hier auf meinem Platz umbringen.“ Ich konnte ihn davon überzeugen dass ich nicht vorhätte dies zu tun und wenn doch, dass ich es dann diskret in den Bergen durchziehen würde. Ob es ihn beruhigte? Ich weiß es nicht.

Zurück in Bremen bin ich mir immer noch nicht ganz sicher ob ich nicht möglichweise doch ganz andere Motive als die Zugspitzwanderung im Kopf hatte und nur durch den beherzten Eingriff des Platzbesitzers davon abgehalten wurde meinem Leben ein Ende zu setzen. Er kannte mich vielleicht doch besser als ich mich selbst. Menschenkenntnis ist eben durch nichts zu ersetzen.