Mitunter ist geradeaus fahren eine gute Strategie

Damit Menschen wachsam und aufmerksam alles Wichtige um sie herum registrieren und darauf reagieren können, haben sie ein ständig präsentes Arbeitsgedächtnis, ähnlich dem Arbeitsspeicher eines Computers. Dies gilt ganz offensichtlich aber nicht für mich. Denn mein Arbeitsgedächtnis hat die wenig zielführende Eigenschaft auf langen, geraden Straßen umstandslos in den Stand-by-Modus zu wechseln. Abbiegen oder andere richtungsändernde Maßnahmen, die zur Zielerreichung meist notwendig sind, unterbleiben so vollständig. Doch das hat auch sein Gutes.

Wer einmal den enorm kontemplativen Zustand der Wurstigkeit, also des stoisch an nichts Bestimmtes denken erlebt hat, weiß um dessen heilende Wirkung. Kleinteilige Gedanken wie z.B. „Da hätte ich rechts abbiegen müssen“ entstehen gar nicht erst und können sich somit auch nicht als schlechtes Gewissen dickbräsig im Gehirn breit machen. Wer so mit dem Auto unterwegs ist, wird seine Krankenkasse nie um eine Psychotherapie anbetteln müssen. Gut, den einen oder anderen Menschen wird man um Verzeihung bitten müssen weil man ihn nicht rechtzeitig erreicht hat oder statt in Hamburg in Hannover gelandet ist. Es hat eben alles seinen Preis.

Und einen solchen zahlen wir auch im Arbeitsalltag. Er ist bei vielen von uns angefüllt mit tausend Dingen die zu bedenken sind.  Nichts soll und darf vergessen oder übersehen werden. Termine müssen eingehalten und Vorgaben erfüllt werden. Doch damit nicht genug. Während der Kopf versucht dies alles irgendwo zu speichern kommt der Kollege ins Zimmer und will noch schnell eine Information für die anstehende Besprechung weitergeben. Das Handy klingelt unterdessen unaufhörlich und der PC meldet den Eingang einer Mail nach der anderen. Das alles sauber hinzukriegen überfordert nicht wenige. Bei ihnen reichen die üblichen 8 MB Arbeitsspeicher, um noch einmal den Computervergleich zu bemühen, nicht aus.

Dabei ist unser Arbeitsspeicher ähnlich flüchtig wie der des PC´s. Zieht man den Stecker sind alle Informationen weg. Für unseren Kopf heißt das, ist das Arbeitsgedächtnis nahezu ausgelastet führt jede Art von Störung zum Verlust der Daten. So ist die gerade im Kopf entstehende tolle Produktidee im Eimer wenn das PoP-Up Fenster einer neuen eMail aufspringt. Wie gewonnen so zerronnen. Allerdings lässt sich doch ein wenig Abhilfe schaffen. Unser Arbeitsgedächtnis kann trainiert und somit leistungsfähiger werden. Von 8 auf 12 MB in etwa. Dies ist von großem Vorteil weil unser Arbeitsspeicher auch noch für die Selbstbeherrschung und Willenskraft zuständig ist. Und Willenskraft brauchen wir dringend um unsere Aufmerksamkeit für die wirklich wichtigen Dinge zu erhalten.  Anderenfalls werden wir die Fähigkeit verlieren Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Das nicht mehr zu können, wäre nicht nur für den Job eine mittlere Katastrophe.

Eine der wirksamsten Strategien um diese Fähigkeit zu erhalten ist die Reduzierung der Reizflut. Wem es gelingt nicht ständig ans Handy zu hecheln, nicht dauernd seine eMail zu checken, mit dem Hintern nicht permanent auf mehreren Hochzeiten zu sein und Facebook und Twitter  in die Abendstunden verlagert entlastet sein Arbeitsgedächtnis und behält so den Blick fürs Wesentliche. Wer es dann noch ganz toll treiben will, geht ans Eingemachte. Der Weg dorthin führt über banale Fragen: Was passiert wirklich, wenn ich meine Mails nur noch einmal am Tag beantworte? Was passiert wirklich, wenn ich nicht zu allem meine Meinung sage? Was passiert wirklich, wenn ich mein Handy abschalte?

Nichts, was sich nicht gerade biegen ließe, doch alles was ein selbstbestimmtes Leben aus macht: Das Wesentliche sehen. Und mitunter ist das eben einfach nur geradeaus fahren.