Früher haben sich die Leute auch selbst behandelt und sind nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt gelaufen. Selbst ist der Kranke. Und wer allein nicht weiter weiß, kann ja fachkundigen Rat in seiner Apotheke bekommen. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und mich von dem Apotheker meines Vertrauens beraten lassen. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

Wenn man dem NDR glauben darf scheint es um die Beratungskompetenz der Apotheken zurzeit nicht gut bestellt zu sein. Dessen Wirtschaftsmagazin „Markt“  hat in einem Versuch Menschen mit den Symptomen juckende Augen, laufende Nase und Reizhusten zur Beratung in verschiedene Apotheken geschickt. Dabei hätten bei diesem Krankheitsbild die Apotheker in jedem Fall den Besuch eines Arztes anraten müssen, was aber nur in 40% der Fälle geschah. Hoffentlich sind die restlichen 60% nicht verstorben.

Ich habe mich durch derart schlechte Werte nicht abhalten lassen. Mit meinen, schön gleichmäßig über den Körper verteilten roten Flecken ging ich also in die Apotheke. Zuvor hatte ich mich im Internet schlau gemacht, wie man diese kleinen roten Biester angehen muss, damit sie meinen Körper nicht allzu lange als ihr angestammtes Zuhause betrachten. Natürlich kannte ich sie schon von unseren Kindern, denn die hatten sie rauf und runter, damals. Bloß, wie hießen die Dinger noch? Irgendwas mit Rosen war das. Rosenbusch? Nein ich habs, Buschwindröschen hießen die. Gesagt getan, schaute ich im Netz nach geeigneten Behandlungsmethoden. Allerdings fand ich nur botanische Hinweise und keinen Salbenvorschlag. Macht ja nichts, geh ich halt zur Apotheke um die Ecke.

Mutig und unbeeindruckt von andern Kunden riss ich meine Hemdärmel hoch und zeigte dem Apotheker meine blühende Pracht. „Ich brauche mal ihren Rat. Wie behandelt man eigentlich Buschwindröschen?“ Er schaute sich die Sache an und brummelte ein wenig in sich rein. „Ja, ich weiß auch nicht so recht, was sie machen sollten“ meinte er dann. Worauf ich als mündiger Kranker meine eigenen Behandlungsansätze, so von Fachmann zu Fachmann, zu Besten gab: „Es muss doch eine Salbe geben um das anzugehen oder meinen sie nicht?“ Sein Vorschlag, es erst einmal mit einer kortisonhaltigen Salbe zu versuchen, fand nicht meine Zustimmung. „Das wäre doch wohl mit Kanonen auf Spatzen geschossen“. Wir waren mitten in einem fachlichen Disput von aufregender Tiefe. Und dann kam es, er holte zu seinem ultimativen Rat aus: „Wir haben zwei Treppen höher eine Hautärztin, gehen sie doch zunächst einmal dorthin. Die wird ihnen bestimmt weiter helfen können.“

Und damit gehört mein Apotheker zu den 40% der Guten, die ihre Patienten im Zweifel zu einem Arzt schicken und sie nicht unbehandelt und einsam in irgendeiner Wohnung vegetierend, ihrem Schicksal überlassen. OK, es gibt zwar Buschwindröschen. Sie blühen aber nicht auf der Haut, sondern in der Erde. Was sich dort so munter auf meiner Haut rumtreibt ist eine Röschenflechte. Aber ich bin nur Gelegenheitsbehandler, da kommt die ein oder andere kleine Fehldiagnose schon mal vor. Und mein Apotheker ist ja auch nur ein Mensch. Ich sollte dem NDR seine Adresse geben.