Spezial- und Breitenwissen in eine gute Balance bringen.

Immer wieder lerne ich Menschen kennen die in ihrem begrenzten Fachgebiet derart viel Ahnung haben, dass mir schwindlig wird. Doch mitunter sind sie ein wenig unbeholfen, wenn es um fachferne Inhalte geht. So war es auch bei dem jungen, smarten Anzugträger den ich im Wartebereich des Flughafens traf. Er telefonierte, was ganz offensichtlich alles andere als einfach war. „Nein, ich kann am Montag nicht, da supporte ich meine Frau.“ Kurze Stille, dann ging`s weiter. „Nein, ich verorte nicht meine Frau, ich s-u-p-p-o-r-t-e sie zu Hause.“ Erneute Pause und diesmal schon mehr Unbehagen in der Stimme des jungen Mannes. „ Mensch, das kann doch nicht so schwer sein. Meine Frau bekommt ein Kind, da helfe ich zu Hause ein wenig mit. Alles klar?“ Als T-Shaped People hätte er es da sicherlich einfacher gehabt.

Der Controller. Er kann Ihnen das Unternehmen in Zahlen zerlegen. Weiß alles darüber. Kennt jedes kleinste Detail, weiß wo der letzte Cent gelandet ist oder wenigsten landen sollte. Doch wenn Sie diesen Controller bitten seine Zahlen in Umgangsdeutsch zu übersetzen, damit auch die Vertriebler es verstehen, dann wird es schwierig. Nicht für ihn wohlgemerkt, aber für die die ihm zuhören. Denn für unseren Controller ist alles doch überaus einfach zu verstehen. Einzig unverständlich ist ihm, wie jemand das nicht verstehen kann.

In den vergangenen Jahren hat sich eine stark fragmentierte Arbeitsteilung in den Unternehmen durchgesetzt. Die Gebiete die jemand zu bearbeiten hatte, wurden immer kleiner. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie immer komplexer und damit auch immer unübersichtlicher wurden. Es entstand ein sogenanntes Tiefen- oder auch Spezialwissen. Natürlich ist das unumgänglich. Allerdings hat dies einen Preis. Und bezahlt wird diese Entwicklung mit der reduzierten Fähigkeit Dinge, die außerhalb des Tellerrandes liegen, zu verstehen und damit Geschäftsprozesse in einem größeren Rahmen zu betrachten um sie gezielter zum Erfolg zu führen.

Die Forderung nach einer besseren Verbindung von Spezial- und Breitenwissen tauchte zuerst vor über 20 Jahren in der Literatur , unter dem Begriff T-Shaped Career, auf. So ist es z.B. für einen Controller mehr als nützlich Branchenwissen zu besitzen, wie auch Kenntnisse über Projektmanagement, Kommunikation und Empathie, als auch solche über Organisations- und Personalentwicklung. Dies alles sind Bausteine des Breitenwissens (Querbalken des „T“) die ergänzt werden durch ein exzellentes Tiefenwissen der Controllingprozesse (Längsbalken des „T“). Die Entwicklung verläuft vom Nerd (Fachidioten) zum Generalisten mit Spezialwissen.

Der Vorteil liegt auf der Hand. Menschen die mehr überblicken als ihr enges Fachgebiet können sich in andere, angrenzende Disziplinen hineindenken und deren Bedürfnisse schneller und besser verstehen. Dadurch verkürzen sich Abstimmungszeiten und Resultate sind schneller und mit wesentlich weniger Abteilungsreibereien zu erzielen.

Hätte der „Supporter“ im Flughafen ein bisschen mehr Breitenwissen darüber gehabt, was Frauen brauchen die gerade entbinden, wie man am besten mit Menschen redet um ihnen das zu erklären und was Intimität von privaten Telefongesprächen in öffentlichen Räumen auszeichnet, dann wären sicher alle Beteiligten ein wenig besser drauf. Allerdings hätte ich dann diese kurzweilige Unterhaltung versäumt, wo es doch in Flughäfen immer so langweilig ist.