Weiterentwicklung muss Regeln brechen.

In einem Anfall von Prozessoptimierung befand meine Ehefrau, dass es nun endgültig an der Zeit sei die Küche völlig neu zu organisieren, um einen besseren Arbeitsablauf zu gewährleisten. Löffel und Teller nahe beieinander, Töpfe und Pfannen gleich neben dem Herd. Mein Einwand, ich würde nun nichts mehr finden und das Kochen würde bei mir nun doppelt so lange dauern, konterte sie mit der erbarmungslosen Bemerkung: „Das fördert die Merkfähigkeit und schult dein Gehirn“. Fortan war ich ein glühendes Mitglied jener 84% starken Truppe, die nach einer Studie des Wissenschaftlers Rolf Berth, Bewahrungsmanager genannt werden. Wir hassen nichts mehr als die Veränderung, besonders wenn sie in unseren Küchen stattfinden soll.

Viele Menschen können sich schlicht nicht vorstellen, dass man Dinge auch anders machen kann, als man sie bisher getan hat. Sie haben ihren Weg gefunden, sind damit zufrieden und halten fest an der Vergangenheit. Wer kennt ihn nicht, den Satz der Bewahrer: “Das haben wir schon immer so gemacht“. Bevor der amerikanische Hochspringer Dick Fosbury auftauchte, stagnierte der Weltrekord über 10 Jahre. Erst seine neue Technik, rückwärts über die Latte zu springen, der sogenannte Fosbury Flop, machte den Weg frei für neue Höhenrekorde. Seither ist der Weltrekord um mehr als 20 Zentimeter gestiegen. Auf Basis der alten Technik wäre dies nie möglich gewesen.

Weiterentwicklung setzt daher zwingend voraus, in der Vergangenheit entstandene Modelle als das zu betrachten was sie sind, Vergangenheit. Wir können zwar aus ihr lernen, verändern aber können wir sie nicht mehr. Gegenwart hingegen können wir bewältigen, aber auch sie ist maßgeblich aus vergangenen Entscheidungen hervorgegangen. Einzig die Zukunft ist es, die wir frei und offen gestalten und formen können. Doch ist es notwendig zu verstehen, dass die Zukunft zunächst einmal nur in unseren Vorstellungen besteht und ohne den absoluten Willen, diese Vorstellungen zu realisieren, nur eine Idee ist. Erst die Umsetzung macht aus der Vorstellung eine Realität, die zu bahnbrechenden Neuerungen, wie z.B. dem Fosbury Flop führt.

Und die 84% der Bewahrer, die gegen jede Veränderung sind? Sie würden wohl heute noch frontal gegen die Latte rennen oder versuchen, die Regeln zu ändern: „Nicht erlaubt sind Sprünge rückwärts über die Latte“. Da dies kein wirklich erfolgversprechender Weg sein wird, bietet sich für die Bewahrer eigentlich nur der kalte Entzug an. Töpfe und Pfannen umstellen, Kommunikation auf das Notwendige beschränken (ist gut für die Merkfähigkeit) und Fakten schaffen. Am Ende lassen sich mit dem neuen Vorgehen dann doch bessere Resultate erzielen. Und dafür kann man ja auch mal rückwärts springen.