Multitasking  ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss, denn es führt zu miserablen Ergebnissen.

Ein kalter, sonniger Januarvormittag. Ich bin auf dem Weg zu einem geschäftlichen Termin nach Hannover. Die Autobahn ist frei, der Verkehr fließt und ich mit ihm. Der Tacho zeigt Umwelt und Nerven schonende 110 Km/h, die meine Ehefrau stets mit dem Satz kommentiert: „Wenn Du noch langsamer fährst, fahren wir rückwärts.“ Es ist wundervoll von aufmunternden Menschen umgeben zu sein. Doch jetzt bin ich allein mit meinen Gedanken. Und die können locker das ganze Auto füllen. Ist das Projekt auf dem gewollten Stand? Habe ich an alles gedacht? Was muss als nächstes geschehen? Wann komme ich zurück? Bleibt noch Zeit, um den morgigen Termin durchzugehen?

Dann ist sie da, die Hittfelder Mühle. Wow, lag die sonst nicht immer an der Autobahn Bremen – Hamburg? Wieso haben diese Deppen sie jetzt an die Autobahn Bremen – Hannover verlegt? Und warum sind es bis Hamburg nur noch 20 Km? Mein Freund Klaus kommt mir in den Sinn. Männer können immer nur eine Sache zur Zeit. Entweder denken oder Auto fahren. Das stimmt so nicht, lieber Klaus. Ich kann nicht nur fahren und denken, ich kann dabei auch noch Kaffee trinken. In Ordnung, ich wollte nicht nach Hamburg und in Hannover wartet eine Besprechung. Aber wer wird schon so kleinlich sein. Oder sollte ich das mit dem Multitasking vielleicht noch einmal überdenken und mir ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse zu eigen machen?

Wie sieht es aus, unser heutiges Berufsleben? Das Telefon klingelt erbarmungslos während wir versuchen, den Faden eines gerade begonnenen Gespräches nicht zu verlieren. Zeitgleich das unüberhörbare Signal des Smartphone, dass eine Mail oder SMS eingegangen ist. Jemand steckt den Kopf zur Tür herein:“Ist das hier die Besprechung des Organisationsteams?“ (Nein und wenn du nicht gleich weg bist, erwürge ich dich.) In unserem Hinterkopf die Gedanken, was heute noch zu erledigen ist. Wir sind, wie meine Oma sagte, mit unserem Arsch mindestens auf drei Hochzeiten gleichzeitig. Und die Prognose, dass unweigerlich die eine oder andere Verlobungsfeier dazukommt, ist sicherlich alles andere als gewagt. Immer mehr und immer schneller ist das Motto. Doch dazu sind wir nicht, oder vielleicht noch nicht gemacht.

Mehr als zwei komplexe Dinge gleichzeitig, deren Ergebnisse auch noch gut sein sollen, bewältigen wir nicht. Nicht mein Freund Klaus ist dafür verantwortlich, sondern unser Gehirn. Und das hat der französische Wissenschaftler Etienne Koechlin untersucht. In seiner Studie konnte er nachweisen, dass wir durch unsere zwei Stirnlappen, in dessen präfrontalen Kortex die sensorischen Signale empfangen werden, eine Verarbeitungsobergrenze haben. Die lässt sich durch Training zwar ein wenig anheben, aber eben nicht unbegrenzt erweitern. Wir haben nur zwei Stirnlappen, nicht mehr, auch wenn einige das von sich glauben mögen. Und die paar Supertasker, so nennen Wissenschaftler Menschen, die erheblich mehr Dinge zeitgleich erledigen, können wir getrost vergessen. Die große Masse von uns sind zweistirnlappige Normalos, die am besten eine Sache nach der anderen erledigen.

Herr Koechlin ist ab sofort ein ganz enger Freund von mir. Sollte ich Zuhause mal eben wieder ein Zimmer tapezieren, den Flur reinigen und dabei auch noch schnell die kaputte Steckdose ersetzen, werde ich antworten: „Koechlin hat gesagt, das ist nicht möglich“. Ach diese Franzosen, sie habens drauf mit ihrem Savoir vivre.