Wenn zu viel Erinnerungen lähmen.
Internet, Managementinformationssysteme oder Outlook, sie alle sind Teil unseres technischen Gedächtnisses. Sie helfen uns zu jeder Zeit, an jedem Ort Zugriff auf alle Informationen zu haben. Wider das Vergessen. Zu dumm, dass wir Menschen keine Maschinen sind und mit einem Zuviel an Informationen gar nicht gut zurechtkommen. Wir treffen dann nicht nur falsche Entscheidungen, sondern werden auch noch krank.

Der berühmteste „Wissensspeicher“, der russische Journalist Solomon Schereschewski konnte nicht vergessen. Er merkte sich während seiner Interviews die Gesprächsinhalte und konnte sie komplett wiedergeben. Damit gelangte er zu großer Berühmtheit, litt allerdings Zeit seines Lebens unter dieser Fähigkeit, wollte nichts lieber als vergessen können und starb depressiv und einsam.
Zuviel erinnern macht krank. Gar nichts erinnern, macht dumm. Dann läge die optimale Lösung doch darin, das Richtige zu erinnern. Doch was ist das? Ein Beispiel aus dem Unternehmen. „Vor 10 Jahren hatten wir doch schon einmal eine solche Krise wie heute. Es fehlten Fachkräfte, nirgends waren welche aufzutreiben. Die Wege, die wir damals beschritten haben, können wir wieder gehen. Die ganzen To-Do Listen sind doch noch bei Müller im System. Brauchen wir nur abrufen“. Wer so denkt, greift auf alte Lösungen zurück.

Das unreflektierte Zugreifen auf Wissen von damals führt zu Lösungen von damals, die ganz sicher heute nicht mehr erfolgreich sind. Also raus aus dem System damit. Neue Lösungen müssen her, auch und gerade wenn die Probleme die Gleichen (Fachkräftemangel) sind. Dafür ist es notwendig zu vergessen. Denn dieses gezielte Vergessen führt zum Nachdenken und Lernen. Denn nur wenn keine vorgefertigten Bausteine vorliegen, werden neue und zeitgemäße Lösungen entwickelt. Besteht das Handwerkszeug nur aus einem Hammer, dann wird jedes Problem zu einem Nagel. Und dieser Nagel zum Sarg jeder weitergehenden Entwicklung. Die Nägel haben einen Namen: „Das haben wir schon immer so gemacht“.

Allerdings heißt das nicht, vergangene Erfahrungen links liegen zu lassen. Es geht vielmehr darum, sich darüber im Klaren zu sein, wie für heutige Probleme damalige Entwicklungen nutzbar gemacht werden können. Gezieltes Lernen aus vergangenen Erfahrungen. Der Historiker Bernd Roeck von der Universität Zürich macht sich den Umstand zu eigen, dass Geschichte sich nie wiederholt und sich gerade aus diesem Umstand Lehren für die Zukunft ziehen lassen. Mit seinem Studiengang Advanced Studies in Applied History bietet er Technikern, Medienleuten, Bankern und Unternehmern die Möglichkeit, fernab kurzlebiger Trends aus Erfahrungen früherer Entwicklungen zu lernen. Sich gezielt erinnern, daraus Lösungen zu bilden und gangbare Wege zu beschreiten. Alles andere kann man dann getrost vergessen.