Die einen fordern die Rente mit 60, andere mit 63 und nicht wenige möchten sie gar erst mit 67. Jetzt kommen, noch leise aber doch schon hörbar diejenigen daher, die die vollständige Abschaffung des gesetzlichen Renteneintrittsalters fordern. Arbeiten so lange jeder will, lautet ihre Botschaft. Haben die denn keine Hobbys, möchte man da laut in die Runde rufen? Doch so einfach ist das nicht. Arbeiten heißt für ganz viele Menschen, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Anerkennung, Status, soziale Kontakte und nicht zu vergessen, Geld. Und ein Hobby sei es noch so spannend, kann diese Werte nicht ersetzen. Da muss also etwas anderes her. Doch was?

Auf den Prüfstand gehört unsere Lebensplanung, die Art und Weise wie wir unser (Berufs)Leben mit Inhalt füllen. Nach dem ersten Lebensdrittel Schule und Ausbildung geht es munter ins zweite Drittel, Familiengründung und berufliche Karriere. Dem folgt das letzte Drittel, Rente und Enkel betreuen. Gekennzeichnet ist erstes und zweites Drittel von Zuwachs an Aufgaben, Verantwortung und Geld. Mehr oder weniger geht es immer nach Oben. Dann irgendwann zwischen 59 und 67 ist von einem auf den anderen Tag Schluss. Und keiner sagt einem wie es jetzt weiter gehen soll. Klar der Nachbar hat ja auch hingekriegt, fährt jetzt mit seiner Frau nach Mallorca, auf die Malediven und in den Schwarzwald. So könnte man es doch auch machen. Das Geld, na ja muss ja nicht die Karibik sein, Rügen ist auch ganz schön. Doch irgendwie wirkt das sehr improvisiert, ein bisschen unorganisiert. So ganz anders als damals im Betrieb. Mit 30 eingestiegen, dann die Treppe hoch. Gruppenleiter, Abteilungsleiter und immer gab es Seminare wie man etwas besser machen, sich selbst und seine Leute optimieren konnte. Ausgeklügelte Personalentwicklung, das hatte Hand und Fuß. An alles war gedacht, fast an alles. Was fehlte war eine Ausstiegplanung. So in der Zeit zwischen Mitte vierzig bis Anfang fünfzig. Doch in diesen Jahren waren wir ja gerade in den besten Jahren, auf dem Zenit. Wer denkt da an Ausstieg. Wenn die Feier so schön lustig ist, kommen nur Miesepeter auf die Idee nach dem Morgen zu fragen.

Fragen wie diese: Wie lange will ich im Betrieb bleiben, wie lange will mich der Betrieb halten, will ich bis zu meinem Ausscheiden voll arbeiten, wie will ich Gehaltsverluste auffangen, was will ich nach meinem Ausscheiden tun, wo bekomme ich dann Anerkennung und Status her? Denn auch für die Zeit nach dem beruflichen Leben gilt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wer früh anfängt sich nicht nur über die Erwerbsarbeit zu definieren, sondern auch andere Schwerpunkte im Leben setzt, ist nicht darauf angewiesen Anerkennung, soziale Kontakte oder Status ausschließlich daraus zu ziehen. Hilfreich ist hier die Geldanlagestrategie „Lege nie alle Eier in einen Korb“ zu beherzigen. Besitzt man mehr Alternativen als nur ein Hobby, dann lässt sich entspannter mit der Frage umgehen: 60, 63 oder gar nicht? Dann ist vieles denkbar und Arbeit nicht mehr alles. Das ist gelebte Work-Life-Balance. Hatten wir das nicht auch mal als Seminarangebot im Betrieb, damals?