handy.jpgUnfreiwillig Mithörer eines Telefonats zu werden kennen wir vermutlich alle und für sich genommen wäre das auch keiner weiteren Erwähnung wert. Doch zunehmend erlebe ich einen Grad an Schamlosigkeit und Unachtsamkeit die mich sprachlos macht. Da werden betriebliche Strategien dem gesamten Abteil ebenso zur Verfügung gestellt wie das Vorgehen gegen einen missliebigen Mitarbeiter. Höchste Zeit für eine Handy Netiquette.

Neulich im ICE nach Hannover. Auf der Suche nach einem Sitzplatz stoße ich auf ein Abteil mit einem Fahrgast. Gesenktem Hauptes, das Handy fest ans Ohr gepresst bemerkt er mich und bedeutet mir mit einer stummen Handbewegung, einzutreten. Es war diese generöse Geste mit der zum Ausdruck gebracht wird: „Sie betreten jetzt mein Büro, aber kommen Sie nur rein, wie Sie sehen bin ich viel beschäftigt und werde mich um Sie kümmern wenn ich dieses wichtige Telefonat erledigt habe“. Nachdem ich einige Minuten damit zugebracht hatte, meine Sachen zu verstauen setzte ich mich. Mein Gegenüber nimmt nun eine relaxte und entspannte Sitzhaltung an, schaut mir noch einmal freundlich ins Gesicht und widmet sich in Raumlautstärke weiter seinem Telefonat.

„Ja dann müssen wir eben die Daten ein wenig hübscher machen. Was sagen Sie, Müller macht das nicht mit? Na ja, da werden wir wohl nicht umhin können, hier zu stärkeren Waffen zu greifen. Doch doch, das geht, über verdichtete Arbeitsinhalte die unmöglich zu schaffen sind um dann mit Abmahnungen weiter zu machen.“ So wurde ich Zeuge wie dieses Unternehmen, dessen Namen ich nach kurzer Zeit ebenfalls mitgeteilt bekam, vorgeht.

Nach einigen Minuten bemerkt er meinen missbilligenden Blick und verlässt das Abteil um sich auf den Gang zu stellen. In unmittelbarer Nähe stehen dort andere Reisende, die nun zu seinen Zuhörern werden. (Technische Lösungen die das Mithören erschweren, sind wie hier dargestellt, auch nicht der Weisheit letzter Schluss.) Vermutlich werden die anderen Reisenden in Kürze ebenfalls wissen um welches Unternehmen es geht und wie der Mitarbeiter heißt der da die Probleme macht.

Natürlich ist es möglich solche Typen aufzufordern ihr Telefonat woanders zu führen. Und meiner Erfahrung nach tun sie es dann auch. Doch damit ist das Problem nicht beseitigt. Es geht darum, dass solche Telefonate nicht in der Öffentlichkeit geführt werden. Nirgendwo. Um diese Einsicht zu erzeugen reicht es nicht, dass sich Mitreisende das unfreiwillige Mithören verbitten und diese Telefonierer wie die Strauchdiebe durch den Zug jagen, vielmehr müssen die Firmen ihre Mitarbeiter darauf verpflichten, Telefonate zu unterlassen die Namen, Daten und betriebliche Vorgehensweisen oder andere Interna offen legen.

Hilfreich wäre eine Art betrieblicher Handy-Netiquette. Wie es sie für den Mailverkehr oder den Umgang im Internet schon gibt. Mein Vorschlag für die ersten zwei Regeln lautet:

1.Öffentliche (deren Inhalt von Unbefugten mitgehört werden kann) Telefonate sollten vermieden werden.
2.Sind sie unumgänglich, sollte ihr Inhalt auf die Mitteilung reduziert werden, wann und unter welchen Umständen ein privates (deren Inhalt von Unbefugten nicht mitgehört werden kann) Telefonat geführt werden kann.

Nur wenn hier mehr Selbstverpflichtung eingefordert wird, kann die Zunahme von akustischer Umweltverschmutzung reduziert und betriebliche Belange geschützt werden.