Zero tolerance (Nulltoleranzstrategie) ist eine in den USA entstandene Bezeichnung für ein hartes Durchgreifen und entsprechende Rechtsauslegung, um der Verwahrlosung und der Kriminalität in amerikanischen Großstädten zu begegnen.

Diese Verwahrlosung läst sich auch in vielen deutschen Städten beobachten. Ist erst einmal bei einem leer stehenden Gebäude ein Fenster eingeworfen, werden in kurzer Folge auch die anderen zerstört werden.

In einem Bremer Naherholungsgebiet stehen in großen Abständen entlang der Spazierwege Papierkörbe. Sobald diese voll sind und der erste Kaffeebecher daneben liegt, sammelt sich innerhalb von 2 Tagen achtlos hingeworfener Müll, der der achtfachen Kapazität des Papierkorbes entspricht. Nicht nur Jugendliche oder die so genannten „Penner“ sind für die Vermüllung verantwortlich, sondern auch solche, die normalerweise ihren Müll nicht achtlos wegwerfen. Darauf angesprochen ist es diesem Personenkreis erst einmal peinlich. „Es lag da doch schon Müll“ oder „Ich dachte, der wird gleich abgeholt; da macht mein kleines Taschentuch doch auch nichts mehr“.

Der zero tolerance Ansatz hat auch in Betrieben seine Berechtigung

Um diesen Vorgang selbst auszuprobieren bedarf es nicht viel. Legen Sie in Ihren Vorgarten ein oder zwei benutzte Kaffeebecher und Sie werden sehen, in den nächsten Tagen verwandelt sich Ihr Vorgarten in eine Müllhalde. Denn Ihre zwei Becher sind das Signal an alle anderen: hier kann man seinen Müll loswerden. Dahinter steckt auch die, vielleicht nicht ganz falsche Vorstellung, dass der Besitzer des Hauses es mit der Sauberkeit nicht so genau nimmt. Sonst würde er ja wohl die Pappbecher nicht liegen lassen. Also muss man auch keinen „Anschiss“ befürchten, wenn man bei der Entsorgung des eigenen Colabechers überrascht wird.

Diesen Versuch kann man auch auf den Arbeitsplatz ausdehnen. Stellen Sie einmal einen leeren Karton neben den Fotokopierer und werfen Sie dort ein zerknülltes Blatt Papier hinein. Nach kurzer Zeit haben Sie dort ebenfalls eine Müllkippe. Ihr Vorgarten lässt grüßen. Oder stellen Sie eine schmutzige Kaffeetasse auf die Fensterbank im Flur. Sie können sicher sein, dass diese Ecke schmuddelig wird. Pappbecher und obwohl Rauchverbot werden Sie sogar Zigarrettenreste dort finden. In vielen Unternehmen ist die gemeinsame Kaffeeküche ein gutes Beispiel für den Sog, der von kleinen Unordnungen ausgeht.

„Wer Ordnung hält ist nur zu faul zum Suchen“ oder „Dies ist mein kreatives Chaos“ sind Aussagen, die jeder von uns schon einmal gehört oder deren Auswirkungen er leidvoll hat mit ansehen müssen. Dabei reicht die Bandbreite dessen was geboten wird, von Schreibtischen voller Unterlagen über Regale, die mit Büchern doppelreihig bedeckt sind bis zu Zimmern, die weder auf dem Schreibtisch noch am Boden oder an den Wänden einen unbedeckten Zentimeter aufweisen. Schlimmster Ausdruck dieser Unübersichtlichkeit ist die Durchmischung der Unterlagen mit benutztem Geschirr, Aschenbechern und Speiseresten auf alten Pizzakartons. Die ersten Unternehmen des Internet-zeitalters waren gutes Beispiele derartiger Kulturen.

Toyota, einer der größten und vor allem der profitabelste Autohersteller der Welt hat vor ca. 20 Jahren damit begonnen, seine Fertigungsprozesse zu optimieren. Einer der ersten Schritte war, die Vergeudung von Ressourcen zu stoppen. Überall lagen Reste von Material, Werkzeug und Maschinenteilen herum. Auf dem Boden befanden sich Ölpfützen und Schmierstoffreste. In dieser Umgebung sah kein Arbeiter die Notwendigkeit ein, mit dem Material schonend umzugehen. Diese innere Einstellung fand sich auch in der Qualität der Autos wieder. „Es kommt nicht so drauf an!“ Darauf reinigte Toyota die gesamte Fabrik, beseitigte alle Materialreste und machte ihre Produktionsstätten als erste der Welt zu einem Ort durchgeplanter Ordnung, perfekter Sauberkeit und optimierter Abläufe. Vorbild für alle heutigen Autobauer.

Die dreckigen Kaffeetassen sind nur der Anfang

Ganz offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen gepflegter oder verwahrloster Umgebung und dem Verhalten von Mitarbeitern. In unordentlich und lieblosen Besprechungsräumen und Büros herrscht ein undiszipliniertes Miteinander. Stellen Sie Thermoskannen, Kekse, Milch- und Zuckerdosen, Tassenstapel einfach auf irgendeinen Abstelltisch in die Ecke des Besprechungsraumes. Die Stühle und Tische stehen verstreut herum und müssen erst durch die Teilnehmer zurecht gerückt werden. Nicht benötigte bleiben achtlos, teils gestapelt, im Raum stehen. Das Flipchart stellen Sie mit den Papierresten anderer Besprechungen vor die Leute. Und dann achten Sie einmal darauf welcher Umgangston herrscht. In einem solchen Ambiente ist die ganze Stimmung gereizter und es findet sich erheblich mehr Widerstand als in einem geordneten und geschmackvoll vorbereiteten Raum.

Besprechungseinladungen werden fast immer mit einer Anfangszeit bekannt gegeben. Dennoch gibt es eine erschreckend große Anzahl, bei denen die Anfangszeit nicht eingehalten wird. Wenn Sie darüber hinaus noch warten bis alle da sind, den Verspäteten gestatten, dass sie sich lautstark erstmal über den Stand der Dinge informieren wollen: „An welchen Punkt diskutieren wir gerade?“ und dulden, dass Protokolle nicht pünktlich fertig sind, so werden Sie künftig immer unpünktlich beginnen und kein Protokoll zum vereinbarten Zeitpunkt erhalten. Herzlich willkommen im Land der Verwahrlosung!

Mitarbeiter schätzen durchaus Ordnung

Dabei schätzen Mitarbeiter durchaus die Ordnung und die Einhaltung von Regeln. Sie mögen Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit. Wird das nicht eingehalten, so deuten Mitarbeiter die darin steckenden Botschaften so, dass es ja wohl nichts ausmacht, zu spät zu kommen, über die Kunden herzuziehen, die Protokolle irgendwann einmal abzuliefern, die Ressourcen zu vergeuden, das Material unsachgemäß zu behandeln, kumpelhaft mit dem Vorgesetzten umzugehen und ruppig mit Kollegen zu sein.

Die Mitarbeiter, die so nicht sein oder arbeiten wollen, erleben sich als die dummen Schafe. Ihre höfliche Art, sich bei Besprechungen erst zu Wort zu melden, statt einfach drauflos zu plappern, wird nur ungenügend zur Kenntnis genommen.

Sie erleben sich als die ewigen Putzlappen, die immer wieder für ihre Kollegen das schmutzige Geschirr wegräumen müssen. Sie ärgern sich, wenn sie pünktlich zu Besprechungen kommen und dann mit ansehen müssen, wie immer dieselben zu spät kommen und es keinerlei Konsequenzen hat. Sie fühlen sich ausgenutzt, wenn sie ihre Arbeiten termingerecht fertig stellen und zum Dank auch noch die Arbeit ihrer faulen Kollegen aufgebürdet bekommen. Sie wünschen sich in solchen Momenten nichts sehnlicher, als das Herstellen einer Ordnung, die auch eingehalten und kontrolliert wird. Klare Regeln – klare Grenzen – eindeutige Konsequenzen

Was Vorgesetzte tun können

Erläutern Sie Ihre Beweggründe
Sorgen Sie für einen sauberen Arbeitsplatz
Sorgen Sie für gepflegte Atmosphäre
Achten Sie auf Einhaltung der Regeln
Bestehen Sie auf Ordnung
Dulden Sie keine herabsetzenden Sprüche
Sprechen Sie Regelübertretungen sofort an
Warten Sie nicht bis der „Müll Ihren Vorgarten überschwemmt“
Gehen Sie mit gutem Beispiel voran