„Ob Sie hier oder zu Haue arbeiten überlasse ich völlig Ihnen, Hauptsache das Ergebnis stimmt.“ Aussage des Chefs nach der Einstellung. Einen Monat später trifft er die neue Mitarbeiterin auf dem Flur: „Wo waren Sie denn in den letzten Tagen!?“

Nicht nur in der Psychiatrie gibt es die so genannte Schizophrenie, sondern auch in vielen Unternehmen. Insbesondere in solchen Unternehmen, die in ihren aufwendigen CI-Botschaften völlig widersprüchliche Signale senden.

Da gibt es offene Widersprüche z.B. zwischen den Führungsrichtlinien und deren tatsächlicher Auslegung. Während in den offiziellen Leitbildern von sozialer und kommunikativer Kompetenz die Rede ist, wird eine sozial völlig unfähige und kommunikativ stark beeinträchtigte Führungskraft in die Top-Ebene befördert.

Es gibt immer mindestens zwei Möglichkeiten widersprechende Regeln zu befolgen. Die offizielle und meistens auch politisch korrekte:
Mach das was ich tatsächlich sage (Sei sozial und kommunikativ)
Die inoffizielle und meist politisch weniger korrekte:
Mach das was ich will und nicht das was ich sage (vergiss den Quatsch mit dem Sozialen und Kommunikativen, wir haben andere Sorgen)

Will man bei so etwas nicht völlig durchdrehen, sollte man einmal bei Gregory Bateson nachschlagen. Er prägte den Begriff „Double-Bind“. Auf einen kurzen Nenner gebracht handelt es sich um zwei sich widersprechende Botschaften, die sich gegenseitig ausschließen. Die allseits bekannte Aufforderung: „Sei spontan“ gehört in diese Kategorie.

Fehler sind willkommen

„Unsere Mitarbeiter denken und handeln eigenverantwortlich.“ So steht es in der firmeneigenen Hochglanzbroschüre. Etwas weiter unten, in derselben Broschüre steht: „Wir fördern Engagement und Risikofreude unserer Mitarbeiter. Das beinhaltet insbesondere die Bereitschaft Fehler, als wichtige Begleiterscheinung im Erproben neuer Wege, ausdrücklich zu akzeptieren.“

Soweit so gut. Gäbe es da nicht das Buch der ungeschriebenen Unternehmensregeln. Darin heißt es ausdrücklich: „Wehe Dir Du machst einen Fehler und berufst Dich dann auch noch auf unsere Leitlinien.“ Die Liste der Mitarbeiter, die diesen Weg gegangen sind und einen beispiellosen Karriereknick hinter sich haben, ist lang. Die Erfahrung damit führt bei den allermeisten Mitarbeitern dazu, den heimlichen Regeln des Unternehmens mehr Achtung und Aufmerksamkeit zu kommen zu lassen, als allen öffentlichen Bekundungen zusammen. In diesem Fall heißt das: „Handle eigenverantwortlich – Beachte die Leitlinien – Und mach bloß keinen Fehler!“

„Vielfach habe ich das Gefühl, alles was viele meiner Abteilungsleiterkollegen an mir wirklich interessiert, ist mein Scheitern.“ Der hier zitierte Satz eines Abteilungsleiters ist beileibe kein Einzelfall. An ihm wird ein strukturelles Dilemma deutlich. Einerseits wird Teamfähigkeit, andererseits aber auch die individuelle Leistungsbereitschaft erwartet. Ein in sich völlig schizophrenes Muster, ein Double-Bind sozusagen. Einige Beispiele:

Sei teamfähig, aber box Dich durch
Sei kooperativ, aber stich Deinen Mitbewerber aus
Identifiziere dich mit dem Ganzen, aber belohnt wird nur Deine individuelle Leistung
Stelle Dein Team in den Vordergrund, aber achte auf Deine Selbstdarstellung, denn auch Du willst schließlich gut beurteilt werden

Selbstverständlich lassen sich Paradoxien aus keinem Unternehmen tilgen, dennoch muss man ihr Vorkommen nicht noch fördern. Es gehört zum Arbeitsalltag, Mehrdeutigkeiten zu ertragen und widerstreitende Interessen auszubalancieren. Dennoch könnte viele Unternehmen diesen Widrigkeiten die Spitze nehmen, indem sie die ungeschriebenen mit den geschriebenen Regeln in weitestgehende Übereinstimmung bringen. Einige Beispiele:

Wir erwarten, dass Sie keine Fehler machen.
Wir erwarten, dass Sie Ihrem Team nicht nach dem Mund reden.
Wir erwarten, dass Sie sich durchsetzen.
Wir erwarten, dass Sie Ihre Leistung realistisch darstellen.

Mitarbeiter Double-Bind Situationen zu ersparen, heißt sie vor Zerrissenheit, Überforderung und Hektik zu bewahren. Davon profitieren am Ende alle, Mitarbeiter, Führungskräfte und das Unternehmen.