Solange alle schweigen, kann jeder Chef davon ausgehen, dass die Mitarbeiter mit seiner Entscheidung einverstanden sind. Anderenfalls würden die Mitarbeiter ihre Einwände vorbringen, heftig diskutieren oder im Extremfall gar mit der Einstellung der Zusammenarbeit drohen. Schön, wenn`s so wäre.

Doch die Realität sieht vielfach anders aus. Es herrscht an vielen Besprechungstischen Ruhe. Gespenstische Ruhe wenn man so will. Der Chef erläutert, beschreibt und zeigt auf wohin die Reise gehen soll. Die Mitarbeiter hören zu. „Noch Fragen?“ Nachdem der Chef die eine oder andere, eher randständige Erläuterung geben hat, stehen alle auf. Die eigentliche Diskussion beginnt nun. Auf den Fluren, in den Zimmern, beim Frühstück. Innige, lang dauernde und mit liebevoller Hitzigkeit und emotionalem Engagement geführte Redeschlachten. Anschließend, nachdem die Luft raus ist, folgt der Übergang zur Tagesroutine. Ich kenne etliche Abteilungen unterschiedlicher Unternehmen, in denen viele darüber stöhnen – doch alle machen dieses Spiel weiter mit.

Wieso eigentlich?
Ein informierter Chef weiß in der Regel, dass dieses Schweigen von einer Zustimmung zu seiner Entscheidung ebenso weit entfernt ist, wie gutes Fleisch von bayrischen Kühlhäusern. Die schweigenden Mitarbeiter wissen natürlich auch warum sie es tun. Teils wollen sie ihre Meinung nicht sagen, weil sie unsicher sind, glauben ihre Meinung zähle nicht, „die ja sowieso machen was sie wollen“ oder ganz simpel weil sie Repressalien ihrer Kollegen oder Vorgesetzten erwarten. Der Preis für das Reden erscheint ihnen einfach zu hoch.

Alles hat seinen Preis.
So nachvollziehbar und verständlich diese Haltung auch manchmal anmuten mag, eines wird sie nicht verhindern können – die Übernahme der Verantwortung dafür. Verantwortlich sind wir nicht nur für das, was wir tun, sondern ebenso für das was wir nicht tun. Da hilft es auch nichts, im Anschluss einer solchen Besprechung in kleinen Gruppen das eben Besprochene zu diskutieren. „Also mal ehrlich, das was wir da machen sollen, wird hinten und vorn nicht funktionieren“, so eine Aussage eines Teilnehmers „und ich mache da auf keinen Fall mit – doch sagen werde ich nichts, kriegt man bloß Ärger“.

Das ist nichts weiter als organisierte Verantwortungslosigkeit! Alle Beschlüsse sind mit den „Schweigern“ zustande gekommen. Die Konsequenzen ihres Schweigens haben sie in Kauf genommen. Es war einzig und allein ihre Entscheidung. Jene die tuschelnd beiseite stehen, die die bessere Lösung schon immer in ihrer eigenen Tasche wähnen, damit aber nicht hinterm Berg vorkommen, alles andere aber lächerlich machen oder für undurchführbar erklären: Das sind die wahren Totengräber einer lebendigen Entwicklung.

Jeder hat eine Wahl.
Hier ist nicht davon die Rede, wie klug es ist, einem Chef offen zu widersprechen oder in einer aufgeheizten Situation eine strittige Position zu beziehen. Hier ist die Rede von der Freiheit der Entscheidungsmöglichkeit eines jeden Einzelnen. Wenn wir bei Beschlüssen schweigen, und die Entscheidung eben so zustande kommt wie sie aussieht, dann war das auch unsere Entscheidung. Die daraus folgenden Konsequenzen haben wir mit gewählt und deshalb auch loyal mitzutragen. Späteres Nachtreten verbietet sich daher von selbst. Niemand zwingt uns zum Schweigen. Es steht uns frei, uns zu entscheiden. Doch Obacht, alles hat seinen Preis. Mund halten ebenso wie ihn aufmachen. Dennoch liegt die Wahl zwischen beiden bei uns.