Die Regale sind voll mit Büchern über die Kunst des Vortrages. Dennoch gibt es Zeitgenossen, die die darin enthaltenen Erkenntnisse bemerkenswert konsequent ignorieren. Um das zu unterbinden, sollte der Gesetzgeber über die Einführung des Straftatbestandes der „unabsichtlichen Quälerei mit Worten“ nachdenken.

Jeden Vortrag über die religiösen Hintergründe der norwegischen Bergvölker des ausklingenden 16. Jahrhunderts können wir gefahrlos verlassen. Selbst wenn wir im Parkett, mittlere Reihe Mitte sitzen, ist dies durchaus als Toilettengang zu tarnen und damit für alle Anwesenden als notwendige, wenn auch unangenehme Ruhestörung hinnehmbar. Völlig anders verhält es sich im beruflichen Rahmen. Aus den unterschiedlichsten Gründen sind wir verpflichtet an Verabschiedungen und Einführungen alter und neuer Mitarbeiter teilzunehmen, an Fachvorträgen und In-House Veranstaltungen, Jahrestagungen oder Firmenjubiläen. Und wie wir alle wissen kann niemand solche Veranstaltung einfach mit dem Argument verlassen, „das langweile einen“. Die gute Kinderstube und der stechende Blick des Vorgesetzten lassen einem das Bleiben doch als nahe liegende Option erscheinen.

Kennt man den Redner kann man sich darauf einstellen. Insofern stellt diese Variante noch das kleinere Übel dar. Redet der Chef kann er sagen was er will, wie er es will und darf dabei auch völlig frei von jeder Begabung sein. Das ist nun mal das Recht eines jeden Chefs, so wie es das Recht eines jeden Mitarbeiters ist, den Vortrag vom Chef ausgesprochen intensiv zu loben. Als Zuhörer richten wir uns darauf entsprechend ein. Etwa indem wir uns neben den Getränketisch stellen oder ganz in die Ecke mit dem Rücken zur Wand, damit wir unbemerkt Übungen gegen das Einschlafen oder die Verspannungen durchführen können. Da wir in der Regel das Thema kennen, meist nicht viel Neues erfahren, ist auch der Wissensverlust den wir erleiden, gering. Das sich anschließende Buffet und der lockere Plausch mit den Gästen ist der Lohn für die Mühsal des Ertragens.

Ganz anders dagegen die Veranstaltungen in denen der Vortragende unbekannt, das Thema aber interessante Inhalte verspricht. Dann stehen oder sitzen wir dort ist mit einiger Erwartung und sehen eine Person das Podium erklettern, die erstmal nichts Argwöhnisches in uns aufsteigen lässt. Gut gekleidet, breitet sie die Unterlagen aus. Unter Zuhilfenahme von Technik, seien es Overhead-Folien oder auch Beamer gestützte Power- Point Dateien (der Missbrauch dieser Technik soll hier nicht weiter erörtert werden), wird der Vortrag vorbereitet. Und dann geht’s los: „Meine Damen und Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Tages komme, lassen Sie mich Ihnen kurz die Entstehungsgeschichte meiner Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi Geburt……

Solch ein Einstieg deutet nichts Gutes an. Tucholsky hat in seinem Text über schlechte Redner zu einem derartigen Einstieg gesagt: Hier hast du schon ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht: eine steife Anrede; der Anfang vor dem Anfang, die Ankündigung, dass und was Du zu sprechen beabsichtigst, und das Wörtchen kurz. So gewinnst du im Nu die Herzen und die Ohren der Zuhörer. Denn das hat der Zuhörer gern: dass er deine Rede wie ein schweres Schulpensum aufbekommt; dass du mit dem drohst, was du sagen wirst, und sagst und schon gesagt hast.

Als Zuhörer erwarten wir doch nichts Sensationelles, wir erwarten einfach nur gutes Handwerk. Wenn sich jemand also berufen fühlt auf die Bühne zu treten, dann ist gutes Handwerk die Zuhörer in den Bann zu ziehen und ihnen komplexe Sachverhalte einfach zu erzählen. Und das ist gar nicht so schwer wenn nur einige Regeln beachtet werden:

1. Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze
2. Klarer Ablauf im Kopf – wenig auf dem Papier
3. Nie länger als 40 Minuten
4. Keine Effekte die nicht zur Person passen