„Selbst wenn du dem Huhn die Füße breitschlägst, es wird keine Ente draus“.  Nach wie vor ist es eine Paradedisziplin in Politik und Wirtschaft, vieles in einem positiven, ja glänzenden Licht darzustellen. Das Problem dabei: Es wird immer weniger geglaubt.

Wo wir hinhören oder sehen erleben wir oft die gleiche Geschichte, die des großen Erfolges. Schauen wir zum Beispiel eine beliebige Landes- oder Bundeswahl an. Die eine Partei hat zwar 8% verloren, aber sieht sich immer noch als Gewinnerin der Wahl. Sie ist schließlich mit 23% immer noch drittstärkste Kraft im Lande. So werden selbst Verlierer zu Gewinnern.

Auch in Betrieben ist diese Form des positiven Deutens weit verbreitet. Da gibt es diesen großen deutschen Autohersteller, der nur noch mit seiner Finanzdienstleistungssparte Geld verdient, Betriebsräte mit Luxusreisen erfreut, Vorstandsvorsitzende destabilisiert und in großem Umfang Stellenabbau plant. Dennoch ist dieser Konzern, laut Führungsmannschaft, auf einem sehr gute Weg und bestens aufgestellt.

Nun kann man, im ersten Fall, also der allzu positiven Interpretation des Wahlkampfergebnisses, einfach den Fernseher ausschalten und sich möglichst wenig ärgern. Man lässt die Elefantenrunden der Parteivorsitzenden ausfallen und widmet sich den schöneren Dingen des Lebens. Wobei ehrlicherweise gesagt werden muss, dass schon eine gehörige Portion Verdrängung dazu gehört, sich über derartige Wählerverdummung nicht schwarz zu ärgern.

Ganz anders verhält es sich allerdings im Unternehmen. Wenn dort gesagt wird wir sind gut aufgestellt, Mitarbeiter aber von Entlassungen in nicht gekanntem Ausmaß hören, wird eine deutlich andere Qualität erreicht. Es stellt sich unweigerlich die Frage, was denn nun stimmt. Sind wir gut, wieso entlassen wir dann Leute? Sind wir nicht gut, wieso behaupten wir das dann?

Jetzt könnten man natürlich einwenden, das Eine schließt das Andere nicht aus. Natürlich kann ein Unternehmen für die Zukunft gut aufgestellt sein und in 10 Jahren wieder ordentliche Profite erwirtschaften. Bis dahin müssen die Strukturen angepasst und eben auch Leute entlassen, Fabriken geschlossen und Zulieferer gewechselt werden. Doch was ist jetzt?

In jüngster Vergangenheit scheint die Bereitschaft die aktuelle Situation schonungslos zu beschreiben, verloren gegangen zu sein. Es findet offensichtlich niemand mehr den Mut, sich für seine Aussagen und auch für seine Taten zu verantworten, die möglichen (verbalen oder auch finanziellen) Schläge dafür einzustecken.

Es wäre doch hilfreich von einem Politiker zu hören:

Arbeitslosigkeit in der jetzigen Höhe wird es für lange Zeit geben.
Vollbeschäftigung wird es in Zukunft nicht mehr geben.
Große Teile der Bevölkerung wird in Zukunft erheblich weniger Einkommen haben.

Oder von einem Unternehmensleiter Sätze wie diese:

Unsere Produkte treffen nicht mehr den Geschmack.
Wir sind in der Produktion zu teuer.
Unsere Konkurrenten können das sehr viel besser.

Vielleicht würde der Politiker nicht mehr gewählt, der Unternehmensleiter entlassen. Doch da bleibt der Verweis auf den eigentlichen Sinn ihrer Tätigkeit. Sie sind dazu da unser Gemeinwesen oder ein Unternehmen erfolgreich zu steuern und nicht uns nach dem Mund zu reden oder uns Sand in die Augen zu streuen. Dass diese Tätigkeit mit erheblichen Risiken verbunden ist, versteht sich von selbst. Dafür ist sie entsprechend gut bezahlt.

Sepp Meier, der von dem Bundestrainer Jürgen Klinsmann entlassene Torwarttrainer der deutschen Nationalmannschaft sagte in einem FAZ Interview auf die Frage, was ihn am Vorgehen Klinsmann am meisten gestört habe: „Dass er mir sagte, wie wichtig ich für die Mannschaft sei und welche Stütze ich bin, um mir im gleichen Atemzug zu eröffnen, dass ich zurücktreten solle. Hätte er mir, ohne den Schmus herum, klar gesagt ich will einen neuen Trainer, einen anderen als Dich, dann hätte ich das akzeptiert“.