Aus Sicht des jüngeren Bruders sind ältere Geschwister nicht nur große eklige Nahrungskonkurrenten, (sie essen einem stets und das mit großer Freude, die leckersten Sachen weg) sondern auch lästige Wettbewerber um den sonnigsten Platz am Strand der elterlichen Anerkennung.

„Nehm` dir mal ein Beispiel an Deinem älteren Bruder, der lernt ordentlich und bringt immer beste Noten nach Hause.“ Wunderbar! Dieser elterliche O-Ton ließ beim angesprochenen jüngeren Bruder unweigerlich die Frage auftauchen, wie er dem Älteren mit minimalen Mitteln und unter Umgehung der Urheberschaft, größtmöglichen Schaden zufügen konnte. Die Überlegung, die Position des Älteren mittels eines Steines zu schwächen, entpuppte sich als wenig zielführend. Eltern können Kopfplatzwunden in der Regel wenig abgewinnen.

Wie kann man im Schatten eines Marktführers wachsen?

Ganz einfach: Gar nicht!

Nehmen wir einmal an vier Eicheln fallen auf den Waldboden. Drei bleiben nah beieinander liegen, die vierte in einiger Entfernung von ihnen. Die drei werden nun einen langen Kampf um Sonnenlicht und Nährstoffe führen. Am Ende wird sich eine durchsetzen, die anderen zwei werden, wenn sie überleben, kleinwüchsig bleiben. Die vierte Eichel allerdings, die etwas weiter weg vom Geschehen liegende muß keinen Verdrängungskampf führen, sie kann sich optimal entwickeln, heranreifen und zu einer großen, kräftigen Eiche werden.

In der Natur ist dies die Kraft, die am Ende zum Entstehen einer neuen Art führt. Klettertiere suchen die Zuflucht in den Bäumen, um den großen Tieren am Boden zu entfliehen, Giraffen nutzen ihren langen Hals um an Nahrung zu gelangen, die die kleineren Konkurrenten nicht erreichen können. Auf lange Sicht besetzt jede Art eine andere Nische in der Entwicklungsgeschichte.

In der Wirtschaft ist dies die Kraft, die trotz des Vorhandenseins eines Marktführers zum Erfolg vieler Wettbewerber auf Platz 2 führt. Aldi in Konkurrenz zu Edeka, Ray Air in Konkurrenz zu Lufthansa. Dieses Konzept vom Überleben des Zweiten lässt sich zum Grundsatz verallgemeinern „Seien Sie das Gegenteil vom Marktführer“. Es ist gleichgültig, worin die Strategie des Marktführers besteht oder ob sie irgendeinen Sinn ergibt oder nicht. Es ist immer besser, den Marktführer nicht nachzuahmen.

Anpassen oder Anderssein

Auch im menschlichen Bereich gibt es das Prinzip des sich auseinander entwickelns. Junge lehnen sich gegen Alte auf, meiden ihre Musik, fahren andere Autos. Die treibende Kraft hinter der menschlichen Natur geht dabei in zwei Richtungen: zur Anpassung oder zum Anderssein. Die meisten Menschen bringen diese beiden widerstrebenden Kräfte dadurch ins Gleichgewicht, das sie in bestimmten Bereichen konform gehen und in anderen nicht.

Es ist das Zusammenspiel dieser beiden Kräfte, dass ein Unternehmen seine Marktführerschaft behält und dass sich ein zweites starkes Unternehmen entwickeln kann. Dabei gibt es keinen Königsweg. Denn es gibt immer zwei Wege. Entweder man ist der Erste und etabliert sich als Marktführer, oder man ist der Zweite und etabliert sich als Gegenpol zum Marktführer.

So geschehen auch in der kleinen Episode am Anfang dieses Artikels. Der Ältere beschäftigt sich seit Jahren sehr erfolgreich mit Daten, der Jüngere mit Menschen. Gegenpole eben.