Im Sport hat sich die Erkenntnis etabliert, dass Höchstleistung auf systematischem Erholungstraining beruht. Im beruflichen Höchstleistungsbereich sind wir von dieser Haltung noch weit entfernt. Berufliche Höchstleistung aber erfordert Erholungskompetenz.

Die Erholungsforschung betrachtet Erholung als »intentional gesteuerten Prozess, der die aktive Auseinandersetzung einer Person mit ihrer Umwelt ebenso umfasst, wie die grundsätzliche Kontrollierbarkeit des Erholungsprozesses«. In ihrem Zentrum steht die komplexe Interaktion zwischen Belastung und Erholung.

Der Erholungsforschung gelang der Nachweis, dass die Dauer der Belastungsphase in die Erholungsphase ausstrahlt. Wer stark und dazu noch über einen langen Zeitraum ohne Pausen beansprucht ist, braucht länger um sich zu erholen. Zum anderen beeinflusst die Art der Beanspruchung den Erholungsprozess. Während im weitaus überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte körperliche Beanspruchungsprozesse dominierten, ist heute berufliche Tätigkeit durch geistig-psychische Belastung charakterisiert, die mit akutem Bewegungsmangel einhergeht. Dies versetzt den Organismus in einen erhöhten Spannungszustand für den sich aus derberuflichen Tätigkeit kein angemessener Ausgleich ergibt. Nach körperlicher Beanspruchung sind wir eher müde – entspannt – beispielsweise nach einer Radtour oder einer Bergwanderung. Aber nach starker geistig-psychischer Belastung ist unser Organismus in einem erregt – angespannten Zustand, in dem Organismus und Psyche viel Zeit benötigen, um sich zu erholen. Das gedankliche Abschalten fällt schwerer als nach rein körperlicher Beanspruchung, was besonders die psychische Erholung beeinträchtigt.

Die Stimmungsforschung um den Amerikaner Robert Thayer, beurteilt den erregt – angespannten Zustand als besonders kritisch: Vereinfacht gesagt »dreht unser Organismus und unsere Psyche auf zu hohen Touren«. Die Belastbarkeit nimmt rapide ab. Die Fähigkeit, auf plötzlich auftauchende kritische Ereignisse mental alert zu reagieren, ist reduziert. Statt dessen neigen die Betroffenen dazu, sich in negative Gedankenkreisläufe zu verstricken.

Daraus ergeben sich wichtige Konsequenzen sowohl für die Belastungsphase als auch für den Erholungsprozess. Wir können nicht erwarten, dass sich für unsere Psyche und unseren Organismus sofort nach Arbeitsende Erholung von sich aus einstellen wird. Es ist sinnvoll, lang andauernde Belastungsphasen durch kurze und aktive Erholungsphasen zu unterbrechen, damit Belastung unseren Organismus nicht in einem immer stärkeren Anspannungszustand versetzt, der die dann nötige Erholungsphase beeinträchtigt und verlängert. Erholungsmaßnahmen wie beispielsweise Entspannungstraining und Sport unterstützen die Regenerationsphase.

Eine Reihe von Faktoren steht in negativem Zusammenhang mit Erholungskompetenz.
Überzogener individueller Leistungsanspruch reduziert nicht nur die Sensibilität für die eigene Erholungsbedürftigkeit, sondern führt zusätzlich zu einer Falschbewertung des Wertes gesundheitserhaltender Erholungsmaßnahmen, die als Folge davon vernachlässigt werden. Der selbstgesetzte Anspruch, möglichst perfekt zu sein, führt zu permanenter Überbelastung, die entspanntes Nichtstun als pure Zeitverschwendung abtut. Hohe Belastung ist allerdings in der Regel mit hohem Sozialprestige verbunden, weshalb sie für den Einzelnen nicht nur tolerierbar, sondern sogar als erstrebenswert gilt. Der von außen kommende gesellschaftliche Anspruch nach Höchstleistung ist dann besonders gefährlich, wenn er individuelle Perfektionsansprüche antreibt, die keine Erholung mehr zulassen.

Leistungsdenken strahlt sogar in unseren Freizeitbereich aus und wirkt dort kontraproduktiv in die Regenerationsphase hinein. Wer glaubt aus seiner Freizeit das Maximum herausholen zu müssen, überträgt beruflich bedingtes Effizienz- und Nutzendenken auf sein Privatleben. Damit schaukelt sich ein gefährlicher Kreislauf auf, bei dem die meisten »ihre Freizeit genauso managen wie ihre Arbeitszeit«, so der amerikanische Epidemiologe Jim Spring.

In letzter Zeit rücken dispositionelle Aspekte ins Zentrum der Forschung. Heute ist unumstritten, dass Menschen unterschiedlich auf Belastung reagieren. Dies ist sogar schon bei Säuglingen so, wie Nathan Fox zeigen konnte. Dazu setzte er achtzig Neugeborene am ersten oder zweiten Tag nach ihrer Geburt leichtem Stress aus. Im Schlaf wurde ihnen ihr Schnuller weggenommen. Es zeigten sich deutliche Unterschiede in der Frustrationstoleranz der Kinder. Manche ertrugen das Wegnehmen des Schnullers deutlich besser als andere. Aber noch wichtiger ist, dass die bereits bei den Säuglingen gefundenen Unterschiede Vorhersagen darüber erlaubten, wie sie später als Erwachsene auf Belastung reagieren.

Erholung scheint in der Öffentlichkeit aber noch kaum ein Thema zu sein. Die meisten denken entweder gar nicht darüber nach oder hängen einem relativ naiven Erholungsverständnis nach, nach dem sich Erholung eben einfach von alleine schon einstellen wird, wenn wir die Arbeit beendet haben und unsere Freizeit antreten. Diese naive Einstellung zu Erholung und die sich daraus ergebende mangelnde Kompetenz, eigenaktiv Regenerationsprozesse einzuleiten und durchzuführen, reicht für diejenigen nicht aus, die hohe berufliche Belastung ausgleichen müssen.

Der Leistungssport hat aus dieser Erkenntnis die nötigen Konsequenzen bereits gezogen. Zur Leistungssteigerung und -erhaltung führen Sportler systematisch Erholungsaktivitäten durch. In der Sportpraxis kommt den Erholungsprozessen sogar der gleiche Stellenwert zu, wie den Beanspruchungsprozessen. Denn Forschungsbefunde konnten zeigen, dass diejenigen Sportler, die systematische Erholungsmaßnahmen in ihrem Trainingsplan einbauen, erfolgreicher sind, als diejenigen, die ihre Erholung dem Zufall überlassen.

Bei der Diskussion über Erholungsmöglichkeiten hat die Erholungsforschung auch die Wirksamkeit spontaner Erholungsmaßnahmen untersucht. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Denn wie eine Studie aus Israel belegt, hält der Erholungseffekt spontaner Erholungsmaßnahmen, wie Urlaub, nach Wiederaufnahme der Berufstätigkeit nur kurz an. Bereits nach einigen Tagen war der positive Urlaubseffekt verflogen.

Erholungskompetenz setzt zunächst Basiswissen über die Interaktion von Belastungs- und Erholungsprozessen voraus. Daraus entsteht die Motivation, Zeitkontingente für Erholungsaktivitäten zu reservieren. Weiterhin spielt die Entwicklung von Sensibilität für körpereigenes Feedback, das auf Erholungsbedürftigkeit hinweist, eine wichtige Rolle um Überlastung zu verhindern. Zudem erfordert Erholungskompetenz ein ausreichendes Repertoire an Erholungsfertigkeiten, das außerdem systematisch in den Alltag eingebaut sein muss.