Für einen jungen Vogel ist die, ansonsten liebevolle und schmusige, Hauskatze ein nicht zu unterschätzendes Lebensrisiko. Ein Band mit Glöckchen am Hals der Katze verringert dieses Risiko erheblich. Doch welches Familienmitglied legt es der Katze an?

Die Kinder wollen es spätestens dann nicht mehr machen, wenn sie den Widerwillen der Katze deutlich hören und schmerzhaft fühlen können. Lautes Fauchen und wenn das nicht hilft, kurze und präzise Schläge mit den Krallen verdeutlicht den Kindern die Unlust der Katze. In diesem Fall sind die Eltern gefragt. Spätestens jedoch beim Anblick der aufgestellten Nackenhaare taucht bei ihnen die Frage auf, ob man der Natur nicht ihren Lauf lassen sollte. Wenn Katze und Vogel in freier Wildbahn lebten, so ihre nicht ganz uneigennützige Argumentation, würde auch niemand regulierend in diesen Kreislauf von fressen und gefressen werden eingreifen. Und außerdem ist es schon spät und zu Abend gegessenen hat auch noch keiner.

Vergleichsweise einfach wäre es gewesen, die Kinder würden die Katze streicheln, sie hochnehmen, die Mutter hielte das Band bereit und der Vater umklammert, mit Handschuhen wohlgemerkt, die vorderen und hinteren Beine der Katze und schon wäre „der Käs gegessen“. Die Frage ist doch nur, wie schafft es die Katze, dass sich niemand an sie rantraut. Obwohl die Menschen in der Überzahl sind und es ein leichtes wäre, der Katze Herr zu werden. Offensichtlich reicht es völlig aus, dass die Katze jedem das Gefühl vermittelt: „Der Erste der sich mir nähert, bekommt die volle Dröhnung“.

Dieses Phänomen lässt sich auch in sehr viel schwerer wiegenden Situationen beobachten. Relativ kleinen Besatzungsarmeen gelingt es scheinbar mühelos, große Bevölkerungsgruppen unter Kontrolle zu halten. Und weshalb ist es einem einzelnen Entführer möglich, ein voll besetztes Flugzeug unter seine Kontrolle zu bringen. Beide Beispiele funktionieren nach dem gleichen Prinzip, nach dem die Katze arbeitet. Der Erste der sich dem Aggressor in den Weg stellt, wird einen sehr hohen Preis zahlen.

Im betrieblichen Alltag spielt dieses Verhalten ebenfalls eine Rolle. Wer kennt es nicht, wenn auch vielleicht nicht aus eigenerer Erfahrung, so doch aus der Beobachtung. Ob in einer Besprechung oder einer Versammlung, wer das erste Wort gegen die Vertreter des Managements führt, läuft Gefahr seine berufliche Entwicklung aufs Spiel zu setzen oder nachhaltig zu verlangsamen. Daher rührt die weit verbreitete Haltung, Kritik nur so einzusetzen, dass sie dem Kritisierenden nicht schadet. Es greift zu kurz, hier vorschnell zu urteilen, indem man etwa mangelnden Mut bei diesen Mitarbeitern beklagt. Denn hier steht das Risiko des Einzelnen im krassen Gegensatz zum persönlichen Nutzen. „Was habe ich davon, wenn ich jetzt allein vorpresche? Nichts als Ärger! Die Anderen denken zwar das Gleiche, sagen aber nichts und sind aus dem Schneider“.

Chruschtschow, ehemaliger russischer Parteichef verurteilte 1956, drei Jahre nach Stalins Tod in einer Rede vor der Kommunistischen Partei die Politik Stalins. Nach seiner Rede fragte jemand aus dem Publikum lauthals, wie er sich denn unter Stalin verhalten habe. Chruschtschow forderte den Fragesteller auf, er möge aufstehen und sich zu erkennen geben. Ruhe im Saal. Nichts geschah. Chruschtschow sagte: “Sehen Sie, genau das habe ich damals auch getan“.

Als Einzelner ist das Leben voller Tücken. In Absprache und Koordination mit Mehreren zu handeln bringt oft bessere Ergebnisse. Es lebt sich darüber hinaus angenehmer und vor allem länger. Mit tiefen Kratz- und Bisswunden ist letztlich keinem gedient. Nicht einmal der Katze.