6 Grad Minus. Das Thermometer zeigt es unmissverständlich an. Dennoch empfinden viele Menschen eine weitaus tiefere Temperatur. Meteorologen sprechen hier von so genannten gefühlten Werten. Diese Fähigkeit entwickeln Menschen auch in anderen Lebensbereichen. Bei den Verbraucherpreisen zum Beispiel.

Sie fühlen, wenn der Wert ihres Geldes abnimmt und sie sich nicht mehr so viel dafür kaufen können wie noch vor einiger Zeit. Allerdings sind sie sich nicht immer sicher, trauen diesen Gefühlen oft nicht. Lassen sich von scheinbar unabhängigen Sachverständigen darüber belehren, dass diese „gefühlte Preissteigerung“ keine reale Steigerung sei. Z.B. sei die Umstellung von DM auf Euro ohne wesentliche Teuerungsraten vonstatten gegangen, hören sie von diesen Fachleuten. Doch ein Gang in das nächste Lebensmittelgeschäft lehrt sie etwas anderes. Nämlich:

1. Man darf nicht alles glauben, was einem die Fachleute bzw. Politiker erzählen.
2. Man kann in vielen Fällen seinen Gefühlen trauen.

Der Weg um diese beiden Aussagen zu belegen, ist ebenso simpel wie einleuchtend. Man macht die Probe aufs Exempel und rechnet mit spitzer Feder nach. So kamen Niederländische Verbraucher zu folgenden Ergebnissen: In den Jahren 1998 – 2003 verteuerten sich Milch, Wein und Bier, Bus- und Taxifahrten, Parkplatzgebühren und weiteres Dutzend Waren und Dienstleistungen um stattlichen 49% (Quelle Weidemann) Den italienischen Verbrauchern ging es nicht viel besser. Die allgemeinen Lebenshaltungskosten stiegen dort in den Jahren von 2002 – 2004 um 12%. (Quelle Istituto Nazionale di Statistika) Erstaunlich viel für den Umstand, dass es sich hierbei lediglich um eine „Gefühlsinflation“ handeln sollte, wie ihnen ihre Politiker weiszumachen versuchten.

Menschen sind sehr genau in der Lage verbalen Budenzauber von tatsächlichen Entwicklungen zu unterscheiden. So wie sie es nur anfänglich geglaubt haben, dass die Euroumstellung ohne Teuerung möglich ist, so wenig glauben sie den gebetsmühlenartig wiederkehren Beteuerungen, dass die wirtschaftliche Talsohle mit jeder neuen Reform nun durchschritten sei. Ob es sich hierbei um Hartz 1 – 4, die Gesundheitsreform oder die Arbeitsmarktreform handelt, die Menschen wissen dass es nicht stimmt. Der Graben zwischen dem was die Menschen hören und dem was sie fühlen ist breit. Ob in Europa, Japan oder Nordamerika, in allen hoch industrialisierten Ländern ist ihnen eines klar und sie trauen ihrem Gefühl, wenngleich es ihnen auch immer wieder Angst macht: Die stetig nach oben weisende Kurve unseres Lebensstandards hat ihren Scheitelpunkt erreicht.

Höhere Preise, geringere Kaufkraft, sinkende Löhne und Abkehr von dem frommen Wunsch nach Vollbeschäftigung in den nächsten Jahrzehnten, sind da nur einige der sie begleitenden Indikatoren. Da das aber nicht zwangsläufig unseren Untergang bedeutet und auch nicht automatisch mit sinkender Lebensqualität einhergeht, scheint die Frage nur allzu berechtigt: Warum wagen es Sachverständige und Politiker nicht, dies unverblümt zu sagen?