„Wir müssen das Unternehmen von Grund auf verändern, wenn wir überleben wollen“.  Auftaktrede zu einer Reorganisation im großen Rahmen. Bekannte Phänomene wie Grabenkämpfe, Intrigen, Rivalitäten und Entwertungen treten in den Wochen und Monaten danach auf. Dann plötzlich geht der Geschäftsführer, weil er keine Perspektive mehr sieht. Und nun?

Heuern und feuern
Man stelle sich einmal vor, im Hafen liegt ein Schiff von dem der Reeder behauptet es koste viel mehr als es einbringt. Entschlossen dies zu ändern heuert er einen neuen Kapitän an. Dieser Kapitän ist sehr erfahren, allerdings nicht mit Schiffen dieser Größenordnung. Schnell bildet er sich eine Meinung von dem was passieren muss. Die Heuer muss gesenkt, die Liegezeiten verkürzt, die Tonnage erhöht und die Führungsmannschaft an wesentlichen Stellen ausgetauscht werden.

Der Mannschaft wird erklärt wie das alles geschehen soll. Sie müssen künftig flexibler werden und an jeder Stelle des Schiffes einsetzbar sein. Wer das nicht wolle, sei falsch an Bord und müsse gehen. Einige wenige, die sich diesen Wegen nicht anschließen wollen, bekommen ihre Heuer ausgezahlt und können gehen. Sie werden ersetzt durch alte Bekannte des Kapitäns.

Und tschüs
Anfangs ist die See ruhig. Doch schon nach kurzer Zeit ist es damit vorbei. Zwischen Reeder und Kapitän kommt es vermehrt zu schweren Konflikten über den Kurs. Innerhalb der Offiziersebene zerfällt nun der mühevoll eingehaltene Waffenstillstand. Hauen und Stechen ist an der Tagesordnung. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen taucht plötzlich ein Helikopter am Horizont auf, nähert sich dem Schiff und nimmt den Kapitän auf. Aus dem Fenster hört man ihn rufen: „Ich sehe keine Perspektive mehr, dieses Schiff sicher ins Ziel zu bringen“. Dann verschwindet der Helikopter am Horizont.

Wenn nur das eigene Fell zählt
Diese, stark vereinfachte, Geschichte der Seefahrt lohnt den Vergleich mit anderen Branchen z. B. eines Krankenhausverbundes. Unstrittig ist, dass derartige Muster auch dort vorkommen. Ebenso unstrittig ist auch das Recht jedes Einzelnen auf individuelle Entscheidungen. Also auch das Recht des Chefs jederzeit von Bord gehen zu können. Dennoch bleibt die Frage: Welche Konsequenzen diese Entscheidung für die Belegschaft hat?

Die Belegschaft besteht aus Befürwortern und Gegnern des gerade entflogenen Chefs, aus Bevorzugten und Benachteiligten seiner Veränderungsstrategien, aus Beförderten und Degradierten seiner Neuausrichtung. Es ist nahe liegend davon auszugehen, dass die Grabenkriege quer durch alle Fronten verlaufen werden. Alte Rechnungen werden beglichen, gleichzeitig neue gestellt. Im günstigsten Fall ist das in einigen Monaten vorbei. Doch etwas sehr viel schwerer wiegendes wird lange bleiben: Der zerstörte Glaube, dass der Chef, wenn er von der Belegschaft tiefe und schmerzliche Einschnitte fordert, sie auch mit der Belegschaft durchsteht. Diese Erfahrung wird sich im kollektiven Gedächtnis festsetzen und es künftigen Chefs sehr viel schwerer machen, die Leute für ihre Veränderungen, seien sie auch noch so notwendig, zu gewinnen.

Solch ein Verhalten hat mit vorbildlicher Führung nichts zu tun, sondern ist im wahrsten Sinne des Wortes feige und verantwortungslos. Es schadet allen, Mitarbeitern wie Führungskräften, gleichermaßen und gehört als abschreckendes Beispiel in den Instrumentenkoffer der Managementausbildung.