Wie jeder Gärtner bestätigen wird, lässt sich eine Pflanze stärken, indem man sie zurückschneidet. Weshalb wird diese einfache Wahrheit in den Unternehmen so wenig beachtet?

Nahezu täglich erweitern Betriebe ihre Angebotspalette um weitere Dienstleistungen oder Produkte. Einhergehend damit werden neue und klangvolle Namen, mitunter gar für das ganze Unternehmen, erfunden um das alles so großartig wie möglich darzustellen.

Geplanter Wildwuchs

Nehmen Sie beispielsweise Volkswagen. Die meisten Menschen glauben dass man bei VW gute und vor allem preiswerte Autos kaufen kann. Schaut man sich jedoch einmal genauer um, so wird man sehen, dass VW in den vergangenen Jahren den Anspruch preiswerte und gute Autos zu bauen, verlassen hat. Die Markenvielfalt wurde extrem erweitert und es werden Fahrzeuge vom preiswerten Einsteigermodell zu etwa 9.000 € bis zum 1.000.000 € teuren Supersportwagen produziert.

Volkswagen-Gruppe:

VW (Fox preiswertester VW ca. 9.000€)
Skoda
Seat
Audi
Bentley
Lamborghini
Bugatti (1000 PS Supersportwagen ca. 1.000.000 €)

Vor Jahren stand stellvertretend der Käfer für die gesamte Markenphilosophie. Er läuft und läuft und ….. Doch wofür steht VW heute, was ist ein VW? Wir wissen es nicht. Wissen Sie es? Wir wissen nur dass ein 100.000 € teurer Phaeton kein Volkswagen im wahrsten Sinne des Wortes ist.

Natürlich ist die Überlegung des Vorstandes einen Konzern zu schmieden, der in der Weltliga spielt und die gesamte Palette, vom Klein- bis zum Luxuswagen anbietet, nicht von der Hand zu weisen. Dennoch dürfte es schwierig sein alle Sparten kompetent und gewinnorientiert zu managen.

Man kann das Phänomen der Ausweitung auch in anderen Branchen beobachten. Viele Kliniken z.B. haben sich in den vergangenen Jahren eine Vielfalt an Behandlungsmöglichkeiten zugelegt, deren wirtschaftlicher Nutzen durchaus fragwürdig ist. Auch hier stellt sich die Frage, ob nicht weniger mehr ist. Und scheint auch schon beantwortet. Weniger ist mehr. Kliniken bauen Leistungen ab, konzentrieren sich auf Kernkompetenzen und werden so wirtschaftlich deutlich stabiler.

Den Schrank aufräumen

Jeder kennt es, man hat einen Schrank, schafft sich Sachen an und irgendwann steht man vor der Frage einen größeren Schrank zu kaufen oder Sachen wegzuwerfen. Doch das ist nur die eine Frage. Die andere stellt sich als damit einhergehendes Ordnungsproblem. Wie soll man in einem solch vollem Schrank Ordnung bewahren? Sind viele Sachen vorhanden, wird die Ordnung im Schrank immer schlechter. Man stopft am Ende die Sachen irgendwie rein. Der Preis dafür ist Chaos und Unordnung. Wir haben es hier mit dem zweiten Gesetz der Thermodynamik zu tun. In geschlossenen Systemen (Schränken) nimmt die Entropie (Ausmaß an Unordnung) ständig zu. Mit anderen Worten: Im Schrank geht es drunter und drüber.

Es ist das Langsame dieses Vorganges, das die Führungskräfte der Unternehmen in die Irre führt. Sie verrichten tagtäglich ihre Arbeit und können nur schwer erkennen, was sich im Unternehmen an Wildwuchs ansammelt. Sie können diese Entwicklung im Grunde nur nachvollziehen, wenn sie die vergangene Zeit betrachten. Nur ist es dann leider schon geschehen. Es ist zu spät.

Zusammenschlüsse – Der beste Weg?

Im Zuge der Gartengestaltung hört man das Wort zurückschneiden sehr oft, in Besprechungsräumen der Unternehmen selten. Hier lautet das Motto fast immer Expansion. Erweitern um Synergien zu schöpfen, Verluste zu verringern, Marktanteile zu steigern oder zu sichern um nur einige Beweggründe für Expansionen zu nennen.

Zusammenschlüsse sind gegenwärtig sehr in Mode. Wie sich an unserem Beispiel von Volkswagen verdeutlichen lässt, soll eine Firma wie Skoda, die preiswerte Wagen produziert mit Bugatti, einer Autofirma die extrem teure Fahrzeuge produziert, zusammenpassen. Angeblich sollen beide Unternehmen davon profitieren, indem sie ihren Markt erweitern.

Was für ein Trugschluss!
Volkswagen macht mit seinen Fahrzeugen keinen Gewinn mehr. Der kommt nur noch aus dem Geschäft mit Finanzierungen. Entsprechend gehen die Aktienwerte von Volkswagen seit einigen Jahren beständig nach unten.

Etliche Einrichtungen im Gesundheits- und Sozialbereich suchen ebenfalls ihr Heil in Zusammenschlüssen. Unter den gegenwärtigen Umständen sind diese Fusionen nicht notwendigerweise schlecht. Es lassen sich Überkapazitäten abbauen, Doppelstrukturen reduzieren und Personalkosten senken. Dennoch zeichnen sich auch hier Nachteile ab. Die Bevölkerung entwickelt Ängste dass die medizinische Versorgung vor Ort ausgedünnt wird und das Management der fusionierten Einrichtungen hat nicht mehr soviel Kontrolle über die Aktivitäten des Gesamtunternehmens. Von den Reibungsverlusten innerhalb des Personals ganz zu schweigen.

Wollte man die Regeln des Zurückschneidens auf Unternehmen anwenden, ließe sich in etwa folgendes Vorgehen denken: Stellen Sie den verantwortlichen Mitarbeitern alle drei Jahre, bezogen auf Dienstleistungen, Produkte, Märkte, Kunden und Technologien zwei Fragen.

Stellen Sie diese zwei Fragen zudem jedes Jahr bezogen auf die Verwaltungsabläufe, PC-Systeme, Berichtswesen und Sitzungskulturen etc.

Die Fragen:

Was von dem was wir jetzt tun, würden wir mit heutigem Wissen gar nicht erst beginnen, wenn wir es nicht schon täten?
Wovon sollten wir uns also bis wann trennen?

Sie werden feststellen, vieles was Ihr Unternehmen macht, sollte es besser lassen. Und die Kraft die dadurch frei wird, in starke und gewinnträchtige Bereiche verlagern. Gesund wachsen wie ein Baum.