Zu jeder Zeit hatten Organisationen klare Hierarchien. Am klarsten ersichtlich beim Militär. Über- und Unterordnungen, Vorgesetzte und Untergebene. Jedem war völlig klar, wer wem etwas zu sagen hatte.

Im Wirtschaftsleben tritt das in Inhaberunternehmen am deutlichsten zutage. Die letzte Instanz ist immer der oft respektvoll „Alte“ titulierte. Was immer er auch sagt, wird zwar gegebenenfalls kritisiert, am Ende aber gemacht. Es wird gehorcht! Hierarchische Strukturen fördern jedoch Überanpassung und bringen das Risiko des Kadavergehorsams und des Machtmissbrauchs mit sich.

Die Wirklichkeit liegt hinter der Fassade

Neue Managementrichtungen, wie zum Beispiel das Lean Management, räumen gründlich mit den überkommenen Vorstellungen eines veralteten Hierarchiebegriffs auf. Steht die Hierarchie doch unter dem Generalverdacht, Kreativität, Selbstverantwortung, Spaß und Motivation an der Arbeit zu zerstören und dafür unreflektierten Gehorsam und Unterwerfung hervorzubringen. Missliebige Begriffe wie Untergebene werden durch Teammitglieder ersetzt, Vorgesetzte zu Coaches ihrer Mitarbeiter umgemünzt. Wer wem was zu sagen hat, wird ersetzt, durch wer wem berichtet.

Natürlich gibt es auch heute Hierarchien und naturgemäß haben Vorgesetzte Macht, mehr Macht als ihre Mitarbeiter. Das merkt jeder spätestens dann, wenn er sein Zeugnis erhält oder eine bessere Vergütung wünscht. Völlig klar ist auch, dass ein Vorgesetzter mehr verdient als seine Mitarbeiter, mehr Einfluss und mehr Verantwortung hat. Dennoch wird allzu oft verlangt, unter anderem auch aus Gründen der korrekten Haltung so zu tun, als befänden sich alle auf gleichem Niveau. Wir sind ein Team! Und wir sind alle gleich.
n so genannten hierarchieübergreifenden Workshops wird der Beitrag eines jeden gleich hoch geschätzt. Nur der Beitrag selbst soll zählen, nicht die Position oder das Ansehen der Person. Jeder Beteiligte weiß, dass dies eine schöne Fassade, respektive Wunschdenken ist. Die Realität ist erheblich schmuckloser. Beiträge wiegen unterschiedlich schwer, je nachdem von wem sie stammen. Besonders wenn sie vom Vorgesetzten kommen.

Pfade im Dschungel

Durch Versuche, offizielle Hierarchien zu tabuisieren, nimmt die Bedeutung informeller Beziehungen zu. Wer etwas bewegen will, braucht Verbindungen. Wer etwas durchsetzen will, muss die richtigen Leute, die geeigneten Türen und den perfekten Zeitpunkt kennen. Als Ergebnis dieser Entwicklung wird es immer schwieriger, sich auszukennen bzw. sich zurecht zu finden: Wer entscheidet, wann und was? Die formalen Wege verlieren an Bedeutung und werden vielfach nur noch zu Repräsentations-zwecken betreten. Das Tagesgeschäft findet auf informellen Wegen statt. Der Ho Shi Min-Pfad wird zur Hauptverkehrs-strasse.

Um die Unsicherheiten dieser Strukturen für alle Beteiligten auszugleichen, werden vielerlei „moderne“ Führungsmethoden feilgeboten. In ihnen finden sich die Wegweiser für das moderne Führen von Teams.

Dort lässt sich unter anderem nachlesen, wie hilfreich der Ansatz ist, Betroffene zu Beteiligten zu machen. Um bloß nicht in die ungeliebten und verpönten Verhaltensweisen einer klaren Aussage zu verfallen, werden Führungskräfte fit gemacht in der Anwendung von Psychotricks. Positives verstärken einzelner Beiträge – seien sie auch noch so irrelevant – dienen allein dem Ziel, Teams in eine gewünschte Richtung zu lenken, ohne ihnen das Gefühl zu geben, sie würden fremd bestimmt.

Dieses Lavieren wird bei den Mitarbeitern früher oder später das Gefühl entstehen lassen, hinters Licht geführt worden zu sein. Um das gar nicht erst entstehen zu lassen, werden die Verführungskünste immer mehr verfeinert. Eine Spirale, die allen nur Stress bereitet.

Mitarbeiter haben keine Angst vor Hierarchie

Eine Organisation ist kein Spaßbad. Arbeitsaufträge sind keine Schauläufe und kostensparendes Wirtschaften löst keine Hurra-Schreie aus. Organisationen sind komplizierte Gebilde. Sie können in ihrer Gesamtheit nur zufriedenstellend und zielsicher funktionieren, wenn jeder seinen und den Platz des anderen kennt. Jeder muss wissen, wer etwas zu entscheiden hat, wer welche Macht hat, wer die Verantwortung trägt und wie die Informationen zu fließen haben.

Dabei ist die Sorge, dass die Mitarbeiter die Vertreter einer klaren Hierarchie als rückständige, ewig gestrige Galeerenkapitäne brandmarken, unbegründet. Mitarbeiter wollen nicht in endlosen Besprechungen sitzen, die keine verwertbaren Ergebnisse hervorbringen weil ihre Vorgesetzten nicht regulierend eingreifen.

Weder haben Mitarbeiter vor, den beruflichen Alltag zu einer Selbsterfahrungsgruppe umzufunktionieren, noch wollen sie per psychologischer Tricks begeistert werden. Stattdessen streben sie danach, dass ihre Leistungen gesehen und bewertet werden und ihre Vorgesetzten sie mit eindeutigen Aussagen darüber informieren, was von ihnen verlangt wird. Ihnen steht ganz und gar nicht der Sinn danach, in unklaren Strukturen zu arbeiten.

Sie suchen vielmehr Führungskräfte, die ihnen in diesen unübersichtlichen Zeiten voll informeller Wege und sich widersprechender Botschaften Orientierung geben und klar Position beziehen.

Position: Vorgesetzter

Führungskräfte sind einer Vielzahl von Forderungen ausgesetzt. Sie sollen sozial kompetent, charismatisch, gewinnend, energisch und motivierend sein – um nur einige zu nennen. Darüber hinaus ist es jedoch wichtig, einmal zu betrachten, was sie sind. Allzu leicht verschwindet sonst die Basis, auf der sämtliche Forderungen an die Führungskräfte stehen. Sie sind ihrer Position zuallererst Vorgesetzte.

Einige Haltungen zur Positionsbestimmung

Bekennen Sie sich zu Ihrer hierarchischen Position.

Seien Sie Chef und verwischen Sie die Grenzen nicht.

Sie stehen über den Mitabeitern, nicht neben ihnen.

Sie verantworten mehr.

Sie werden deshalb besser bezahlt.

Sie bestimmen die Handlungsräume ihrer Mitarbeiter.

Sie zeigen Grenzen und Konsequenzen auf.

Sie bestehen, wo immer es erforderlich ist, auf Unterordnung.

Seien Sie sicher, ihre Mitarbeiter haben ein gutes Gespür dafür, ob jemand nur autoritär ist oder verantwortungsbewusst seine Rolle als Vorgesetzter ausfüllt.