Benimmregeln gelten oft als überkommen und altmodisch. Zu Unrecht. Sie sind Ausdruck menschlicher Erfahrungen die uns helfen, mit starken Emotionen auf eine, auch für andere, akzeptable Weise umzugehen.
Besonders in den so genannten fortschrittlichen Unternehmen gelten tradierte
Umgangsformen als starres Korsett das es zu sprengen gilt. Ihnen geht der
Ruf voraus, dass solche Umgangsformen die Kreativität, das Wir-Gefühl und
generell Innovation hindern. Dazu kommt dass die Selbstverwirklichungsbemühungen
vieler Menschen die Vorstellung nährte, es gebe zwischen
Berufs- und Privatleben keine Unterschiede mehr. Mitarbeiter werden wie
Freunde oder Familienangehörige behandelt. Mit zum Teil fatalen Folgen. Ein
Beispiel: Sie haben massive eheliche Probleme und stehen kurz vor einer
Trennung. Nun kommen Sie mit hängenden Schultern, verquollenen Augen in
den Betrieb und erzählen einem Ihrer Mitarbeiter ausgiebig von Ihren
Problemen. Und bringen ihn damit in Verlegenheit. Denn was soll er mit diesen
Informationen anfangen? Sie trösten, Ihnen Mut zusprechen?

Dabei ist die Sache ganz einfach. Diese Probleme gehören nicht in den
Betrieb. Zu Freunden, zum Berater, zum Therapeuten ja, aber nicht in den
Betrieb. Einhalten der Regel, wie in diesem Fall „Kein Wort über meine
Probleme“ vermittelt die nötige Distanz und diese Distanz macht deutlich dass
Scheidungsfragen in der Arbeit nichts zu suchen haben.

Das professionelle Gespür für die Grenzen zwischen Beruflichen und Privatem
ist allerdings in den vergangen Jahren zurückgegangen. Die Gründe dafür sind
vielfältig und hier an zwei Punkten beleuchtet. Zum einen verhalten wir uns am
Arbeitsplatz oberflächlich freundlich. Teilweise hat eine unreflektierte Duzkultur
Raum gegriffen. Ausdruck des verständlichen, jedoch trotz allem nicht
einzulösenden, Wunsches nach Nähe. Zum anderen sammeln wir für
Geburtstage oder ähnliche Anlässe Geschenke und vermischen damit die
Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben. Wir übersehen, dass unser
Verhältnis zu den Mitarbeitern trotz allem Verzicht auf Förmlichkeiten zu
distanziert ist, um Probleme auf einer persönlichen Ebene zu lösen. Hier helfen
entsprechende Regeln die festlegen, welche Verhaltensweisen förderlich und
welche hinderlich sind. Solch regulierende Einschränkungen verringern das Konfliktpotential und vermeiden unnötige Verstimmungen.

Seminare zur Teamfindung stellen eine weitere Besonderheit dieser
Entwicklung dar. Mit ihnen soll der Versuch unternommen werden beruflichen
Beziehungen private Dimensionen zu verleihen. Ein gegenseitiges besseres
Verständnis soll entstehen. Dabei braucht man sich nur mal anschauen, was
passiert wenn man von seinen Mitarbeitern alles erfährt, bzw. sie von Ihnen
alles erfahren. Es macht Sie nicht menschlicher wenn Ihre Mitarbeiter erleben,
wie Sie alle Hemmungen verlieren.

Wie Sie in einem Outdoor Workshop schreiend, fluchend und völlig genervt
einen Pfahl hochklettern. Im Gegenteil, Ihre Mitarbeiter erleben Sie so, wie Sie
sonst nur Ihre Freunde oder Ihre Familie erleben. Mit dem Unterschied, dass
Ihre Mitarbeiter nicht zu der eben genanten Gruppe gehören. Lassen Sie es
einfach sein. Kehren Sie nicht Ihr Innerste nach Außen. Denn Sie und Ihre
Mitarbeiter sind Sie nicht eine Familie. Sie arbeiten für dasselbe Unternehmen,
dass ist die Gemeinsamkeit. Ansonsten unterscheiden sie sich stark
voneinander. Führungskräfte sind gezwungen, unliebsame Entscheidungen zu
treffen. Entlassungen auszusprechen. Was soll also ein Mitarbeiter denken,
wenn er Ihnen an einem Tag als Stütze bei Ihrem Scheidungsdrama gedient
hat, Sie ihm am anderen Tag aber seine Entlassung mitteilen müssen. Das
endet immer mit unnötig tiefen Verletzungen auf beiden Seiten. Abstinenz und
das Einhalten der Regeln auf Seiten des Vorgesetzten hätte hier die Sache
professioneller und weniger verletzlich gestaltet.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts herrscht die Vorstellung, dass gute Manieren
überbewertet werden. Sie hemmen die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Das
ist auch völlig richtig, denn das ist ihr Ziel. Umgangsformen haben die Aufgabe
uns zu bremsen. Stellen Sie sich einmal vor, jeder würde unreflektiert alles aus
sich heraus lassen, was in ihm ist. Ich für meinen Teil möchte nicht dabei sein.
Niemand sollte allerdings Umgangsformen mit Moral verwechseln. Gute
Manieren gründen oft auf moralischen Werten, sie bilden aber kein eigenes
System. Hinter guten Manieren steckt ein zutiefst pragmatischer Ansatz.
Rücksicht nehmen, weil man will, dass die anderen ebenfalls Rücksicht
nehmen.