Kennen Sie diesen kleinen Einflüsterer in uns – nennen wir ihn Misstrauen, Verfolgungswahn oder gar Paranoia? Er warnt uns davor, anderen zu sehr zu vertrauen. Sie sollten gelegentlich auf ihn hören. Nicht nur wenn Ihnen ein symphatischer Verkäufer einen 2 Jahre alten Golf, äußerlich wie neu, für 1000 € verkaufen möchte. Vielleicht hat er das Recht auf (fremdes) Eigentum doch ein wenig zu weit ausgelegt.

Im Unternehmen ist es wie beim Autokauf, damit es läuft, sollte stets eine gewisse Vertrauensbasis vorhanden sein. Anderenfalls schlägt man sich mit Grabenkämpfen herum und die wichtigen Dinge leiden unter dem zugespitzten Misstrauen.
Und dieses Misstrauen vergiftet das Arbeitsleben. Alle müssen erhebliche Zeit und Energie darauf verwenden, zwischen den Zeilen zu lesen. Sie verbringen viel Zeit in Besprechungen, in denen keiner offen seine Meinung sagt. Das Ergebnis ist ein Partisanenkampf. Dennoch gibt es Formen des Misstrauens die sich am Arbeitsplatz positiv auswirken können. Nennen wir es konstruktives Misstrauen.

Dieses konstruktive Misstrauen schafft ein Gefühl für aktuelle oder zukünftige Gefahren und ist somit ein Teil des persönlichen Frühwarnsystems. Es bringt Menschen dazu, ihre Situation genauer zu betrachten und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen.

Entscheidend für den Umgang mit konstruktivem Misstrauen ist die Beantwortung folgender Frage: Wie lässt sich konstruktives Misstrauen sinnvoll einsetzen und wie verhindert man dessen destruktives Ausufern?

Einige Regeln die den Umgang mit konstruktivem Misstrauen begünstigen:

Alle Fakten zusammentragen.
Sorgen Sie dafür dass Sie alle Fakten haben und nicht nur die die Sie hören wollen, oder die die Ihnen jemand zur Verfügung stellt. Es geht darum alles um sich herum, klar und deutlich wahrzunehmen. Das Radar muss eingeschaltet sein.

Immer mehrfach hinterfragen.
Sind Daten gesammelt, ist noch nichts gewonnen. Ihre Relevanz beweist erst ihre Interpretation. Beharren Sie nicht auf Ihrer ersten Deutung und lassen Sie sich nicht zu vorschnellen Schlussfolgerungen hinreißen, misstrauen Sie brillanten Theorien die jede kleine Tatsache erklären.

Den Gegener umarmen.
Vertrauenswürdige Berater und Mentoren bieten oft die Basis für böse Überraschungen. Ihre Gegner sollten Ihnen näher sein als Ihre Freunde. Der ehemalige Präsident Lyndon B. Johnson auf die Frage warum er den FBI-Chef nach einem Fehltritt nicht entlassen hat: „Wenn ein Elefant im Dschungel frei herumläuft, ist es besser, er ist im Zelt und pinkelt hinaus, als wenn er von draußen in das Zelt pinkelt.“

Nicht berechenbar sein.
Klarheit, Verlässlichkeit und Beständigkeit gehören zweifelsohne zu den wirksamsten Führungsqualitäten. Dennoch kann gezielte Unberechenbarkeit, insbesondere bei Ihren Gegnern ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen. Unerwartetes Verhalten kann Ihr Gegenüber irritieren, seine Strategie untergraben und sein Sicherheitsgefühl zerstören.

Keine Regeln befolgen.
Die beste Menschenkenntnis schützt nicht vor Fehlern. Der Grund: Mitunter trügt einfach der Schein. Gute Leute wissen, wann sie die Regeln außer Acht lassen und nur ihren Instinkten folgen müssen.

Lassen Sie mich zum Schluss noch von einem Beispiel berichten, bei dem konstruktives Misstrauens Fehlentscheidungen verhindert hätte. Die mittlerweile in Konkurs gegangene amerikanische Firma Enron schickte 1998 70 Sachbearbeiter in eine leere Etage des Firmengebäudes. Sie sollten sich dort als geschäftige Vertriebsleute ausgeben. Ziel der Aktion war es, eine Gruppe von Investoren zu beeindrucken, die gerade die Hauptverwaltung des Unternehmens besichtigten. Die Mitarbeiter brachten PC, Schreibtische und sogar persönliche Fotos als Dekoration mit. Die Sache dauerte nur 10 Minuten. Lang genug, um bei den Investoren den Eindruck eines dynamischen und florierenden Handelsunternehmens zu erwecken.