Ob in Politik oder Wirtschaft, wenn Führungskräfte eine Position neu antreten, handeln sie fast immer nach dem Motto, die Grausamkeiten zuerst. Zum Beispiel hat die große Koalition mitgeteilt, es wird eine Mehrwertsteuererhöhung auf 19% geben. Obwohl erst 2007 angehoben werden soll wird es den Wählern jetzt schon bekannt gemacht.

Ein Beispiel aus der Wirtschaft. Der designierte Mercedes Vorstand Dieter Zetsche, verkündete unmittelbar nach seiner Berufung tief greifende Veränderungen und Einsparungen bei Mercedes. Bereits vor einem Jahr hat der damalige Chrysler- und jetzige VW Vorstand Wolfgang Bernhardt, vom Sanierungsfall Mercedes gesprochen. Für seine damaligen Äußerungen wurde er als Nestbeschmutzer beschimpft. Seine Chancen auf den Vorstandsvorsitz bei Mercedes hatten sich damit erledigt. In beiden Fällen stellt sich die Frage, ob bestehende Fehlentwicklungen und daraus resultierende Konsequenzen allen Betroffenen, ohne Beschönigungen, nicht schon früher hätten vor Augen geführt werden müssen.

In der Politik scheint diese Frage mit einem klarem Nein beantwortet zu sein. Anders ist es nicht zu verstehen, dass unpopuläre Entscheidungen, wie Steuererhöhungen oder Subventionskürzungen, immer kurz nach den Bundestagswahlen oder nach wichtigen Landtagswahlen bekannt gegeben werden. Offensichtlich glauben die Politiker, dass die Bürger die ungeschminkte Wahrheit nicht vertragen und dann die Überbringer der Botschaft abstrafen, indem sie eine andere Partei wählen.

Die Wirtschaft sieht sich auf dem Gebiet der Reorganisation in allen Teilen der Politik überlegen. Sie hat von sich das Bild auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen, wenn es um die Interessen der Unternehmen geht. Doch auch hier wird eine ähnliche Vorgehensweise wie in der Politik gewählt. Wenn Mercedes kein Sanierungsfall ist, wie Bernhardt behauptete, weshalb läutet Zetsche dann jetzt diese durchgreifenden Einsparmaßnahmen ein. Offensichtlich bestand die Sanierungsnotwendigkeit schon seit langer Zeit und Bernhard hatte Recht mit seiner Einschätzung. Dennoch behauptete der amtierende Vorstandsvorsitzende von Daimler Chrysler Jürgen Schrempp, dass Mercedes ein im Kern gut aufgestelltes und durch und durch gesundes Unternehmen sei und bleiben werde. Davon ist heute keine Rede mehr.

Natürlich ist es verständlich wenn ein Verantwortlicher sein Unternehmen ins positive Licht rückt. Ebenso verständlich ist die nicht unbegründete Sorge, persönlich zur Verantwortung gezogen zu werden wenn Versäumnisse und Fehler eingestanden werden müssen, die zur Schieflage beigetragen haben. Ob es allerdings der richtige Weg ist, die Realität zu verklären und die Fehler scheibchenweise einzugestehen, darf bezweifelt werden. Die Reaktion der Börse auf die Aussagen von Zetsche waren Kursprünge der Daimler Aktie. Auch die Mitarbeiter vertragen diese Art der Offenheit – besser jetzt richtig rangehen, als dann wenn es zu spät ist- weitaus besser als vermutet.

Und den Mitarbeitern im Gesundheits- und Pflegemarkt geht es nicht anders. Wenn zum Beispiel Einrichtungen zu einem Verbund zusammengeschlossen werden, dann ist allen Mitarbeitern klar, dass dies Konsequenzen hat. Auf Arbeitsplätze die reduziert werden, auf Zuständigkeiten die verändert werden. Darüber hinaus gibt es unter den fusionierten Teilen erhebliche Machtkämpfe um Einfluss und Ressourcen. In diesen Fällen lautet häufig der offizielle Sprachgebrauch, dass alle davon profitieren werden. Doch klar ist, es gibt bei den meisten Fusionen immer Gewinner und Verlierer. Die viel beschworene Win-Win Situation ist in solchen Fällen allenfalls ein frommer Wunsch. Und am besten wissen dass die Menschen die davon am meisten betroffen sind, die Mitarbeiter.

Natürlich gehört ein gehörige Portion Mut dazu hier Klartext zu reden. Den Mitarbeitern deutlich zu machen wie es um sie und ihre Abteilung steht. Seien die Maßnahmen auch noch so grausam, es scheint allemal grausamer, so zu tun als sei alles gar nicht so schlimm. Falsch verstandene Rücksichtnahme, etwa in Form von positiven formulierten Zukunftserwartungen, „so schlimm wird es schon nicht“ erscheinen da wenig hilfreich, wenn es dann doch schlimm wird. Wenn Mitarbeiter ihren abgestammten Arbeitsplatz wechseln oder verlieren, ihre gewachsenen Bezüge aufgeben müssen, dann werden sie das in der Regel als schlimm erleben. Führungskräfte sollten hier schützend und anerkennend mit ihren Mitarbeitern umgehen. Ihnen die Wahrheit nicht ersparen, die Auswirkungen nicht beschönigen und die Konsequenzen ungeschminkt benennen. Solch eine Haltung fordert von den Verantwortlichen Courage. Sie werden dafür nicht geliebt werden. Im Gegenteil, ihnen werden massive Vorwürfe gemacht, ihnen wird unterstellt werden nichts dagegen unternommen zu haben usw. Doch das auszuhalten ist ein wesentlicher Teil von Führung. Und dieser Teil wird sich am Ende auszahlen, in Anerkennung und Respekt durch die Mitarbeiter, für einen der sie nicht hinters Licht geführt und im Regen stehen gelassen hat.